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19.10.2012 — Pro Helvetia hat einen neuen Direktor. In den ersten Tuchfühlungen mit der Öffentlichkeit hat er feststellen dürfen, dass es in der Kulturförderung offenbar so etwas wie eine Gretchenfrage gibt: Nun sag, wie hast du’s mit der Giesskanne? Und Andrew Holland, der die Gewissensfrage offensichtlich erwartet hat, hat auch gleich klargemacht: Ich bin ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, ich halt’ nicht viel davon.
Nix Giesskanne; Hollands Ding sind Schwerpunkte.
Das ist ja alles sehr löblich. Holland ist ein Mann, der weiss, was er will und keine Wundertüte, auch wenn er – als bisheriger Stellvertreter seines Vorgängers, des grossen Zampanos Knüsel – medial eher ein Schattendasein geführt hat. Das Problem ist bloss: Die Frage ist falsch gestellt. Eine Schicksalsfrage auf tönernen Füssen sozusagen.
Giesskanne und Schwerpunkte sind keine Alternativen, sie setzen als Förderstützen auf verschiedenen Ebenen des kreativen Prozesses an. Es braucht beide, einfach auf unterschiedlicher Flughöhe. Dort wo es darum geht, auf sehr elementarem Niveau neue Ideen zu sammeln, kann nur die Giesskanne helfen, denn da dürfen keine ästhetischen oder qualitativen Vorentscheide getroffen werden. Da geht es um die Masse, aus der sich erst mit der Zeit die tragfähigeren Konzepte abzuheben beginnen.
Schwerpunkte kann man setzen, wenn man bereits weit entwickelte und weitgehend gereifte Ideen stärken will. Dazu muss man Kriterien haben, die sich in einem Spannungsfeld zwischen ästhetischen oder politischen Zielen und Qualitätserwartungen bewegen.
Pro Helvetia hat ein vergleichsweise bescheidenes Budget. Mit diesem ist die Speisung eines genug breit abgestützten Basislabors neuer Ideen gar nicht machbar. Es bleibt der Kulturstiftung gar nichts anders übrig, als mindestens eine Stufe höher anzusetzen. Der neue Direktor muss also nicht diesen Grundsatzentscheid treffen, sondern transparent machen, nach welchen ästhetischen und politischen Kriterien er Schwerpunkte setzt.
Er wird zwangsläufig die einen bevorzugen und andere benachteiligen. Den Mut dazu muss er haben, und der Stiftungsrat genug Rückgrat, um dafür die politische Verantwortung zu übernehmen. Es sei denn, es gelänge ihm das Kunststück, nachzuweisen, dass tatsächlich nur soviele Projekte als Schwerpunkte der Würdigung verdienen, wie Pro Helvetia auch zu fördern in der Lage ist.
Wir werden vermutlich immer damit leben müssen, dass Kulturförderung sui generis ungerecht ist. Am besten, man nimmt’s mit Humor. Mal sind die einen am Ruder, mal die andern. So ist das halt nun mal. Wenn’s denn auch so ist, dass Abwechslung garantiert ist.
Das Problem, das wir heute in der Kulturförderung tatsächlich haben, ist: Wer giesst denn nun aus der Kanne?
Masse kann eigentlich nur an der Basis generiert werden. Die geeignetsten Gärtner wären also die Gemeinden, das politische Kleinvieh der Schweiz. Gerade für die Gemeinden bedeutet Kulturförderung aber in erster Linie Selbstdarstellung oder Leistungsshow. Sie sind nicht interesselose Zudiener des Bundes. Die Einsicht durchzusetzen, dass in der Gemeinde gegossen werden muss, was als Schwerpunkt leuchten soll im Vaterland, ist nicht einfach.
Da ist nun die wirkliche Herausforderung für die künftige Kulturförderung zu finden: Im richtigen Zusammenspiel von Geisskannen und Schwerpunktsetzern, verwoben ins Geflecht von Gemeinden (Städten), Kantonen, Bund und Privaten. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
