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25.01.2013 — Eigentlich wollten wir von der Brancheninformation berichten, die das Bundesamt für Kultur (BAK) jedes Jahr an den Solothurner Filmtagen durchführt. Da treffen sich Förderer (des Bundes) und Geförderte, früher im stilvollen Hotel Krone – wer die schmucke Stadt Solothurn kennt, weiss, wovon wir sprechen –, nun im unterkühlten Kino im Uferbau. Das waren mal spannende Begegnungen, weil die Fetzen flogen. Heute ist die Veranstaltung so staubtrocken wie ein Bundesordner, deshalb wollen wir damit auch keine Kolumne füllen, das wäre ein Zumutung für unsere Leserinnen. Für die Leser natürlich auch. Die stören angestaubte Arbeitsumgebungen bloss weniger.
Ivo Kummer war mal Direktor der Filmtage Solothurn, heute ist das Seraina Rohrer. Sie stört sich an Staub auch mehr als ihr Vorgänger: Zur Eröffnung der diesjährigen Schweizer Werkschau des Filmes hat sie sich frechere, mutigere Filme mit Haltung, mit andern Worten weniger Mief gewünscht. Ivo Kummer ist heute Leiter der Sektion Film im BAK. Im Kino im Uferbau sprach er vor allem über Formulare (gähn), Einreichefristen für Gesuche (gähn, gähn) und ein bald greifbares Glossar zur Filmförderung (schnarch).
Mit der ersten Kulturbotschaft, das heisst der Umsetzung des Kulturförderungsgesetzes der Schweiz, schien es so, als ob das BAK die Kontrolle über die kulturpolitische Diskussion für sich reklamiere. Mutmasslicherweise, um das Niveau zu heben. Konsequenterweise ist als Nachfolger des Provokateurs Pius Knüsel als Direktor der Stiftung Pro Helvetia der sehr konziliante Verwaltungsspezialist Andrew Holland installiert worden. Okay, hat man sich gedacht, das ergibt Sinn, wenn das BAK die öffentlichen Kontroversen selber orchestrieren will. Da ist man ja mal gespannt gewesen, wie sich das anfühlen wird.
Wie gesagt: Es fühlt sich einschläfernd an. Man sehnt sich direkt nach den Schaukämpfen zwischen dem aufmüpfigen Filmemacher Samir und Kummers Vorgänger Nicolas Bideau, die sich in der Krone jeweils (bildlich gesprochen) an die Gurgel gegangen sind. Oder – wir wagen das Unaussprechliche auszusprechen – man wünscht sogar den «Kulturinfarkt» zurück, das Buch, mit dem Knüsel und seine deutschen Mitautoren die Szene tüchtig aufgemischt und den Staub tüchtig aufgewirbelt haben.
Nichts davon im Kino im Uferbau. Zum Abschluss der Veranstaltung hat jemand aus dem Publikum auf Kummer sogar ein Loblied gesungen (!), die Ruhe gepriesen (!!), die da plötzlich herrsche und die eben keine «verdächtige» sei, wie der Tagesanzeiger geschrieben habe. Kummer bedankte sich und fügte noch (selbstironisch?) hinzu, es dürfe dann aber auch keine einschläfernde Ruhe sein, sonst könne man die Veranstaltung nächstes Mal gleich in der St.Ursen-Kathedrale veranstalten (der kürzlich nach einem Brandanschlag gründlich entstaubten Kirche im Zentrum der schmucken Stadt Solothurn). Da ist ein hörbares kollektives, leicht resigniert anmutendes Seufzen durch den abgedunkelten Saal gegangen. Es gibt noch Hoffnung.
Die Bilanz des kulturpolitischen Leads des BAK ist bislang ernüchternd: Farbige, öffentlichkeitswirksame und diskussionsfördernde Persönlichkeiten (Bideau und Knüsel) sind von der Bildfläche verschwunden. Ihre Nachfolger fliegen offenbar mit Vorliebe unter dem Radar eines als solchen wahrnehmbaren Diskurses. Und der ebenfalls neue Departementschef, Bundesrat Alain Berset, hat offenbar noch nicht wirklich gemerkt, dass er auch Kulturminister ist.
Jetzt haben wir halt doch über den Anlass geschrieben. Dabei hätten wir doch den Platz viel besser genutzt, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir uns bald mit der Diskussion der nächsten Kulturbotschaft beschäftigen sollten. Dazu bräuchte es aber ein Momentum, wie die Eishockeyaner so schön sagen. Irgend so etwas wie Leidenschaft, Begeisterung, das Gefühl, etwas liege in der Luft. Etwas sei zu erledigen. Kontroversen, Debatten, Emotionen, Engagement…
Die Störefriede sind weg. Auf die kulturpolitischen Impluse aus dem BAK, die sie ersetzen könnten, warten wir noch. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
