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Abzocker und die Erosion der Gesellschaft

Von Wolfgang Böhler

 

22.02.2013 — Erstaunlicherweise hört man von Kulturschaffenden und Intellektuellen wenig bis gar nichts zur Volksinitiative «gegen die Abzockerei», die am 3. März zur Abstimmung kommt und zur Zeit das beherrschende Thema der Schweizer Öffentlichkeit darstellt. Unseren Denkern und Analytikern würde sich da ein weites Feld öffnen, und ein überraschender zweiter, besonnener Blick wäre vonnöten. Die Empörung über die hohen Löhne und Vergütungen einiger weniger Spitzenmanager, die auf einem globalen Markt operieren, kaschiert ein tiefergreifendes Problem, eine langsame und unspektakuläre Entwicklung, die wesentlich besorgniserregender ist: die schleichende Demontage bürgerlicher Bildung und Kultiviertheit.

Die Lohn- und Boni-Exzesse werden als Zeichen einer unheilvollen Entsolidarisierung in der Gesellschaft und als Demontage der sozialen Kohäsion betrachtet. Die Erregung lenkt davon ab, dass die Entsolidarisierung auch an der Basis der bürgerlichen Gesellschaft fortschreitet, und dies in vermutlich folgenreicherem Masse: Die Identifikation mit dem Staatswesen und den lokalen politischen Gemeinschaften, den Gemeinden, sinkt stetig. Dies zeigt sich etwa in der Erosion des bürgerlichen Vereinswesen, das sich dadurch auszeichnet (respektive ausgezeichnet hat), dass Bürgerinnen und Bürger bereit sind (respektive waren), langfristig aktiv mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen.

Sich derart mit einer Gemeinde zu identifizieren und sich für sie aktiv zu engagieren, wird immer rarer. Ein Symptom dafür ist der Wandel der Laienchor-Landschaft. Sie wird mehr und mehr von Projektensembles dominiert, die bloss kurzfristiges oder einmaliges Mitmachen erlauben, im Gegensatz zum traditionellen Dorf- oder Quartierchor, der langfristige Verpflichtungen und die Übernahme von Verantwortung jedes einzelnen mit sich bringt. Sängerinnen und Sänger werden dadurch mehr und mehr zu konsumorientierten Rosinenpickern, anstatt sich auf existentielle Entwicklungsprozesse einzulassen.

Die zunehmende musische Entwurzelung führt zu einer Abwertung der ästhetischen Bildung als Teil einer ganzheitlichen staatsbürgerlichen Bildung. Handwerklich orientierter Musik-, Zeichen- oder Literaturunterricht, wie er früher als selbstverständlicher Teil der Befähigung zur gesellschaftlichen Partizipation betrachtet wurde, wird fatalerweise mehr und mehr als sozial nicht relevantes privates Vergnügen, ja als Störung einer Entwcklung zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit betrachtet. Was für ein Irrtum!

Wir sind dabei, in eine Zeit der Dekadenz zu schlittern, in der empörungsgesteuerte Moraldebatten das Aushandeln und die Übernahme von Verantwortung aller Bürger ersetzt und sich der Nachwuchs der liberalen Parteien mit Misstrauen gegenüber dem Staat und Demontage gesellschaftlicher Solidarität zu profilieren versucht. Parallel dazu werden Gewerbe und Handwerk, die Stützen der lokalen Gemeinschaften, auf Kosten narzisstischer Dienstleistungszweige entwertet.

Man wünschte sich von unseren Intellektuellen mehr mahnende und kritische Worte zu solchen Entwicklungen. Wenn sie humanistische Werte und die Fähigkeit zum sachlich-besonnenen und differenzierten Diskurs nicht mehr hochhalten, dann stehen uns schwierige Zeiten bevor. Dann werden mehr und mehr Trotzreaktionen wie die leider zu erwartende Annahme der Volksinitiative «gegen die Abzockerei» auf Kosten einer sachgerechten Beurteilung von Abstimmungsvorlagen politische Irrationalität befördern. Genützt hat so etwas einem Staatswesen noch nie, geschadet allerdings schon manchem. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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