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Schleichender Abbau des Musikunterrichts?

Von Wolfgang Böhler

 

08.03.2013 — Engagierte Bekenntnisse zu einer Bildung, die Empathie und Kreativität fördert, sind schön und gut. Entscheide über die ästhetische Erziehung in Schule und Musikschule werden aber in den Kantonsparlamenten und -verwaltungen gefällt. Viele davon unter dem Radar einer wachsamen Öffentlichkeit. Was da in den vergangenen Monaten so alles unterwegs gewesen ist: In den beiden Basler Halbkantonen etwa soll im Zuge der Umsetzung der Harmonisierung der Schulstrukturen beiläufig der Musikunterricht faktisch abgebaut werden. Die Schaffhauser Regierung hat versucht, die Beiträge an die Musikschulen zu kürzen – und ist vom Kantonsrat gottlob zurückgepfiffen worden. Der Berner Regierungsrat wiederum ist mit einer Kürzung der Beiträge an die Musikschulen um eine halbe Million Franken, respektive rund 8 Prozent, durchgekommen. Statt findet der Abbau – es grüsst der Föderalismus – unkoordiniert, scheibchenweise und damit unspektakulär. Trotz der vom Volk überdeutlich angenommenen Musikinitiative.

Wie lässt sich dafür sorgen, dass der Volkswille auch durchgesetzt wird? Was für Argumente gibt’s? Sämtliche Bemühungen, Musikunterricht damit zu rechtfertigen, dass selbiger intelligenter und/oder sozialer macht, sind gescheitert. Die jüngeren Diskussionen um den Wert speziell sozialpsychologischer Untersuchungen, die sich a tout prix nicht reproduzieren lassen, um dünne Datenbasen und lausige Experimentaldesigns haben solchen Rechtfertigungen die letzte Überzeugungskraft genommen. Es ist nicht wegzuleugnen: Die Wissenschaft stochert da noch im Nebel. Das Feld ist viel zu komplex, die Parameter-Abhängigkeiten noch viel zu wenig verstanden. Man operiert mit Rahmentheorien aus dem 19. Jahrhundert, die mit viel Spekulation, Mythologie und Phantastereien durchsetzt sind.

Nur scheinbar ein Themenwechsel: Prominente emeritierte Mathematik-Professoren plädieren zur Zeit dafür, an den Schulen ein Fach Informatik zu etablieren. Sie legen im neu erscheinenden Buch «informatik@gymnasium» (NZZ-Verlag) ein Argumentarium vor, wieso ein solches an den Gymnasien heute unerlässlich ist. Das tönt wie ein Gegenprojekt zur musischen Bildung. Ist es aber nicht.

Informatiklehrerinnen und Musikerlehrer müssen nämlich im Grunde genommen versuchen, für die gleiche Basiskompetenz eine Lanze zu brechen: die Fähigkeit, ein Gefühl für abstrakte Strukturen, Präzision des gegenstandlosen Denkens und das geduldige Sich-Versenken in komplexe, vernetzte Probleme zu fördern. Die Überflutung der Welt mit visuellen Reizen haben das Denken in Bildern und das freie, impulsive Assoziieren, das als angeblich «kreativ» hoch im Kurs modischer Pädagogik steht, zu den Leitkompetenzen der Persönlichkeitsentwicklung gemacht.

Statt sich zu bekämpfen, müssten sich Mathematikerinnen, Informatiker, Linguistinnen und Musiker zusammentun, um dafür zu kämpfen, dass die Kompetenzen wieder vermehrt gefördert werden, die den Umgang mit ihren Materien prägen – und sich verabschieden von dem so unheilvollen wie falschen Denken in angeblichen Gegensätzen zwischen materialistischen, wirtschaftskompatiblen Fähigkeiten (den sogenannten Mint-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und soziale und persönliche Entwicklungen fördernden musischen Fächern.

Es geht nicht um das Was der Schulbildung, es geht um das Wie, um motivationsfördernde, nicht als Demütigungsrituale endende Unterrichtsmethoden zum Erwerb der Kulturtechniken Rechnen, Schreiben, Notenlesen, Singen, Zeichnen und so weiter. Hochklassiger Musikunterricht muss unabdingbarer Teil einer solchen ganzheitlichen Pädagogik sein. Das war er schon im Mittelalter. Da haben sich die Mönche auch etwas dabei gedacht. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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