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Die politische Bedeutung der Kunst

Von Wolfgang Böhler

 

19.04.2013 — Welches sind die Kernkompetenzen ästhetischer Arbeit? Auf die Gefahr hin, uns ziemlich unbeliebt zu machen: Sie beschränken sich auf das Wissen um Gestaltungsprinzipien, um elegante Präsentation, um das Wissen darum, was mit Materialien, Tönen, Wörtern angestellt werden kann, um spezielle Wirkungen zu erzielen. Das ist schon ziemlich viel, und es könnte Grund sein dafür, dass Künstler und Kulturschaffende sich in der Gesellschaft eine wichtige Position erarbeiten könnten.

Aus historischen Gründen nehmen Künstler aber für sich in Anspruch, ein spezielles Sensorium zur Deutung der Welt und ihrer möglicherweise eher verborgenen Mechanismen zu haben, und dies auch noch in einer Art Gesamtschau aller Geschehnisse (oder das wird ihnen zugeschrieben). Man findet deshalb in Kulturteilen von Zeitungen Abhandlungen über den Bürgerkrieg in Jugoslawien und seine Gründe, das Leiden der Fische an der Angel, die verborgenen Gründe für Rassendiskriminierungen in verschiedenen Weltgegenden, über die Motive theoretischer Physiker, sich mit dem Bauplan der Welt zu beschäftigen und so weiter und so fort.

In Museen hängen Bilder, die den Zustand der Weltreligionen, Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen, die Geschlechterdifferenz oder das angebliche Scheitern grosser gesellschaftlicher Entwürfe dokumentieren, und Neue-Musik-Ensembles beschäftigen sich mit den Folgen des Klimawandels oder bieten angeblich Zugänge zur Transzendenz der Wirklichkeit.

Als Kulturschaffender glaubt man, sich zu allem und jedem äussern zu können und dabei auch noch etwas speziell Interessantes zu sagen zu haben. Diesen Anspruch, der bloss Ausdruck tradierter Kunsttheorien ist, nehmen wir für so selbstverständlich, dass wir ihn nicht mehr hinterfragen. Wir nicken beifällig, wenn das spezielle Alldeutungs-Sensorium der Kunst in Sonntagsreden, auf Vernissagen oder bei Preisverleihungen beschworen wird. Im Grunde genommen glauben wir aber nicht daran. Im Grunde genommen haben die Deutungen der Gesellschaft und politischer Vorgänge der Kreativen und die anmassende Forderung, alle Kunst müsse Gesellschaftskritik sein, in der Öffentlichkeit keinen guten Ruf. Der Ausdruck «Feuilletondebatte» zeugt etwa davon.

Eine spezielle Form dieser Überschätzung künstlerischer Auseinandersetzung ist die nach wie vor hartnäckige Überzeugung, dass Musiker in besonderem Masse zu Empathie und einer gesteigerten Wahrnehmung emotionaler Vorgänge neigen. Auch da widerspricht die alltägliche Erfahrung: Musiker, auch Berufsmusiker sind genauso limitiert oder begabt in diesen Dingen wie Metzger, Juristen, Chirurgen, Stadtplaner oder Schuhverkäufer auch. Formale Bildung und Ausbildung in speziellen Fertigkeiten haben nichts mit sozialer oder emotionaler Intelligenz zu tun. Es gibt keine fundierte Studie, die das Gegenteil beweisen würde.

Weshalb läuft auf der Welt so viel schief? Es ist nicht eine Frage der Gesinnung und keine Frage des (Besser-)Wissens um die Gestaltung der Polis, und auch kein Mangel an Engagement «für eine bessere Welt». Fast immer, wenn geglaubt wurde, man werde nach dem und dem System eine bessere Welt errichten, ist’s schief rausgekommen. Die grössten Feinde einer Gesellschaft und Wirtschaft, in der sich alle wohlfühlen könnten, sind Machtmissbrauch, Korruption, Schlamperei und Inkompetenz.

Was können Kulturschaffende zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen? Dasselbe wie alle andern auch: Ihre Aufgaben so professionell wie möglich erledigen und sich auf das beschränken, wovon sie wirklich etwas verstehen. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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