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Kultur und Medien I: Symbiosen

Von Wolfgang Böhler

 

12.07.2013 — Zivilcourage scheint im Kulturjournalismus nicht unbedingt zu den herausstechenden Eigenschaften zu gehören. Mit dem (unreflektierten, unüberprüften und eh falschen) Totschlagargument, dass es Kultur in den Medien schwer habe, werden regelmässig Konzession an die Kulturveranstalter legitimiert. Man geht «Medienpartnerschaften» ein, kapriziert sich aufs Anpreisen, statt aufs kritische Begleiten, fühlt sich avantgardistisch, wenn man dem dumben Volk routinierte Hochkultur «vermittelt», statt mit aufsässig Neuem in die Tiefe zu gehen und behandelt die Stars der Szene überaus pfleglich ‒ die sind als Kulturschaffende menschlich ja so verletzlich (was ihre Geschäftspartner häufig anders erleben). Da wird gelegentliche Empörung über misslungene Inszenierungen, Gefallsucht und Ränkespiele rund um Festivals und Ensembles zur Ersatzhandlung.

Kulturjournalisten und Veranstalter sitzen viel zu eng aufeinander. Sie folgen der Doktrin, dass man sich gemeinsam gegen einen Kulturabbau wehren müsse, der in Kulturredaktionen zu so etwas wie einem Phantomschmerz geworden zu sein scheint.

Der entscheidende Denkfehler: Kulturjournalisten sehen sich selber lieber auch als Kulturschaffende, anstatt als Analysatoren und Chronisten. Genausowenig wie der Wissenschaftsjournalist Wissenschaftler, der Politjournalist Politiker (leider gibt’s da Ausnahmen, aber das ist ein anderes Thema), der Sportjournalist selber Athlet ist, ist der Kulturjournalist Künstler.

Nun hat in der zweiten Häflte des 20.Jahrhundert der Journalismus Techniken der künstlerischen Produktion übernommen und damit kurzfristig seine Attraktivität erhöht. Engagierter (sprich: subjektiver) Journalismus ist salonfähig geworden, Story Telling, kreative Dramaturgien und so weiter haben Einzug gehalten. Nüchterne, trockene und analytische Schreibe gilt seither als altväterlich oder ‒ schlimmer ‒ langweilig. Journalismus muss heute nicht mehr nur informieren und Argumente für und gegen etwas liefern, er muss auch unterhalten. Vor allem der Kulturjournalismus.

Das Paradox: Je «unterhaltender» sich der Kulturjournalismus gebärdet hat, umso unverbindlicher und, ja, auch langweiliger ist er geworden.

Der Komponist Pierre Boulez hat kürzlich erklärt (wir zitieren aus dem Gedächtnis), ihm würden von jungen Tonsetzern immer wieder Werke zur Begutachtung vorgelegt, die in seiner eigenen Tonsprache verfasst seien. Das könne er immer noch selber am besten, seufzte der Nestor der Neuen Musik sinngemäss. Offenbar erhofft er sich von andern eben Eigenes und Unerwartetes. Vergleichbares gilt für den Kulturjournalismus: Geschichten schreiben, Stimmungen erzeugen, Spannungsbögen kreieren, emotional packen und inhaltlich irritieren können Künstler immer noch am besten. Wenn’s Journalisten tun, wirkt’s eher epigonal und manchmal sogar peinlich.

Die Zukunft des Kulturjournalismus liegt nicht in noch engeren Symbiosen mit den Kunstschaffenden. Bloss der Wille zu eigener Identität, der Aufgabe genuin angepassten formalen Mitteln und gesellschaftlichen Abgrenzungen gegenüber dem Kulturbetrieb sichern ihm beständiges Leserinteresse. Dazu gehört auch das konsequente Denunzieren der unsäglichen Doppelrollen von Journalisten als PR-Dienstleister für Kulturanbieter und Vermittler. Kulturjournalisten sollten, wie alle andern Journis auch, in der Szene keine Freunde, sondern bloss Kontakte haben. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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