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26.07.2013 — Die Kultur hat ihren Platz in der modernen Medienwelt nicht gefunden. Sie schwankt zwischen Gegenwartsverweigerung und Selbstauflösung in platter Zudienerei für die Unterhaltungsindustrie. Gegenwartsverweigerung betreibt sie, wenn sie noch immer an die politische und soziale Deutungsmacht Kulturschaffender und Geisteswissenschaftler glaubt. Der traditionelle Feuilletonist nimmt noch immer für sich in Anspruch, den Gang der Weltgeschichte deuten zu können, bloss weil er viel gelesen und sein stilistisches Arsenal geschärft hat. Literatur- oder Kulturwissenschaftler fühlen sich noch immer berufen, Weltpolitik oder wirtschaftliche Bewegungen lesen zu können. Sie klammern sich an ein Privileg, das sich nach der Aufklärung als vegetarischer Ersatz für die metaphysische Welterklärungspotenz der Kirche ausgebildet hat: Der kultivierte und belesene Mensch als moralische Instanz.
Im Gegensatz zum Feuilleton stehen Politik- und Wirtschaftsberichterstattung, die sich den modernen fachspezifischen Debatten geöffnet haben und den Bürger als demokratischen Partner wirklich ernst nehmen. Wirtschafts- und Politdiskurse in den Medien wirken denn auch für Kulturinteressierte weitaus lebendiger als die selbst in satirischem Gewand häufig griesgrämigen Feuilletondebatten.
Das liegt im Kern an einem antiquierten Menschenbild der Kultur «vermittelnden» Journalisten. Sie verstehen Kultiviertheit (auch wenn sie nicht mehr plump wertend von «Hochkultur» sprechen) als Ort der Erlösung, und den «kultivierten» Menschen als Erretteter vor dem Sumpf des Banalen, Rohen, Trivialen, Plumpen. Der kultivierte Mensch ist für sie der empathische, sozial und politisch Verantwortungsvolle. Der Bildungs- und damit mutmasslich Kulturferne ist für sie der egoistische, triebgesteuerte, verantwortungslose Unterschichten-TV-Konsument, den es ebenfalls zu erretten gilt. Arte statt RTL II, das wäre dann schon mal ein guter Anfang.
Das Schema ist zwar sehr suggestiv. Es ist aber falsch. Kultivierte sind Ungebildeten gegenüber moralisch nicht überlegen. Ethisches Verhalten und Kultiviertheit sind nicht ursächlich verbunden. In der Öffentlichkeit stehende Feuilletonisten verfallen da, was ihre Wichtigkeit und Vorbildfunktion angeht, gerne eitler Selbsttäuschung. Das Problem ist nicht das angeblich totalitäre und verrohende Potential, das dem Ungebildeten angeblich innewohnt, es ist die Möglichkeit für eine Gruppe, sich zur Alleinherrschaft aufzuschwingen. Die Folgen sind genauso verheerend, ob dies nun «einfache» Arbeiter, Militärs, Feministinnen, Ökoaktivisten, Fliegerstiefelträger, Hedgefonds Manager oder Wissenschaftler sind.
Die behauptete Krise des Kulturjournalismus ist keine Folge der Medienumbrüche. Sie ist hausgemacht. Wege aus ihr führen nur über die Einsicht, dass Kulturjournalisten keinen privilegierten Zugang zur Deutung der Welt haben, sondern dass dieser schlicht und ergreifend (wie auf allen andern Gebieten) eine Frage des Sachverstandes ist.
Der Kulturjournalismus vitalisiert sich (wieder?), wenn er, statt ex cathedra angelesene Weisheiten zu verkaufen, urdemokratisch Debatten organisiert, Fakten sammelt, analyisiert und begründet und Deutungshypothesen zur Diskussion stellt. Mit andern Worten: Ausgang aus der Krise findet der Kulturjournalismus, wenn er seine Leser als Dialogpartner endlich ernst nimmt und vom paternalistischen Dozieren wegkommt, das heute kaschiert unter scheinbar engagierten Etiketten wie «Vermittlung» und «Aufklärung» beharrlich weiterlebt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
