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Frauen in der Schweizer Musikgeschichte

Von Wolfgang Böhler

 

01.11.2013 — Mit etwas Verwunderung verfolgt man die aktuellen Aufgeregtheiten um die Serie «Die Schweizer» des Schweizer Fernsehens (dieschweizer.srf.ch). Die Vorschauen lassen ein Abfeiern von männlicher Heldengeschichte befürchten ‒ mit im Volkstheaterstil aufgeklebten Bärten und Knallchargen statt subtiler Schauspielkunst. Aber warten wir’s ab. Proteste gab’s bereits von Frauenseite, weil die Frauen fehlen und ein veraltetes Geschichtsbild portiert wird, das die Entwicklungen des Alltagslebens und der unspektakulären und unglamourösen Kräfte der Historie ignoriert. Letztere sind zum Verständnis der Gegenwart aber genauso wichtig, wenn nicht weit wichtiger als singuläre, personengebundene Ereignisse.

Das Schweizer Fernsehen reagiert nun etwas improvisiert mit einem Blick auf Frauen in der Geschichte, die dem Typus Heldin, Kämpferin, Pionierin, mit andern Worten, der heroischen individuellen Gestalterin gerecht werden und es sogar auf eine Schweizer Banknote geschafft haben. Die Frauen haben aber, vor allem in der republikanischen Zeit, in der ihnen (im Gegensatz zum Adel des höfischen Mittelalters) jegliche politische Rechte konsequent verweigert wurden, kaum Raum für Heldentaten gefunden.

Viel häufiger sind sie gescheitert, an den Rand gedrängt, totgeschwiegen worden und ihre Leistungen in der Alltagsbewältigung kleingeredet worden. Wir haben ein solches Frauenschicksal in der Schweizer Musikgeschichte vor längerer Zeit dokumentiert. Die Berner Pianistin Laura Kupferschmid hat in den 1920er-Jahren mit progressiven pädagogischen Ideen versucht, den Musikpädagogischen Verband aufzumischen.

Sie hat sich dabei als kundige, politisch denkende Reformerin erwiesen. Mit ihren Bemühungen ist sie allerdings auch über ihre eigenen charakterlichen Unzulänglichkeiten gestolpert, wobei man sich fragen kann, wie weit diese Folgen einer zeittypischen Frauenkarriere mit ihren Demütigungen und Belastungen gewesen sein dürften. Die ganze Geschichte von Laura Kupferschmid findet sich hier.

Laura Kupferschmid hat ihr Leben alles andere als glamourös abgeschlossen. Eine Sympathieträgerin mit Vorbildcharakter für heute ist sie mit ihren Schrullen und Eigensinnigkeiten definitiv nicht. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen wirft ihre tragische Geschichte wohl ein viel aussagekräftigeres Licht auf die Rolle der Frau in der jüngeren Schweizer Musikgeschichte als diejenige von Musikerinnen, die als heroischer Gegenpart zu männlichen «Helden» aufgebaut werden könnten, um auch den Frauen zu ihrem Recht auf eigene Geschichte zu verhelfen.

Man hat etwas den Verdacht, dass die Frauen, die nun gegen das antiquierte Geschlechter- und Geschichtsbild der «Die Schweizer»-Macher protestieren, gerne auch eine weibliche Erfolgsgeschichte geschrieben gesehen hätten. Historisch gesehen dürfte das Schicksal der Frauen so wie dasjenige von Laura Kupferschmied vielmehr dasjenige von viel Alltagsarbeit und sozialer Leistung und gleichzeitig bitteren persönlichen, sozialen und politischen Niederlagen sein.

So was erzählt sich halt weniger gern, wenn man eine Ideologiebrille trägt oder auf der Suche nach «Role Models» ist. Der Sache aber (ob Frauensache oder Verpflichtung zur historischen Wahrheit) wäre damit jedoch vermutlich mehr gedient. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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