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13.12.2013 — Die Schweizer Schlagersängerin und «Deutschland sucht den Superstar»-Gewinnerin Beatrice Egli ist erklärtermassen ausgezogen, um der Welt etwas Wärme und Freude zu bringen. Nichts mehr. Sie gerät deshalb im Feuilleton unter schwersten Banalitäts-, Oberflächlichkeits- und Heucheleiverdacht. Sie muss sich von Journalistinnen und Journalisten die jeden Verdacht der Plumpheit glauben von sich weisen zu müssen, deshalb die immer gleichen Fragen nach Brüchen in ihrem Leben und Schattenseiten gefallen lassen.
Frau Egli antwortet mit der immer gleichen Freundlichkeit, Routine und Geduld, auch wenn sie selber sich vermutlich fragt, was solches Hintersinnen mit ihr zu tun haben soll. Vermutlich würde sie gerne Fragen beanworten, die sie selber als interessanter und unterhaltsamer betrachtet und mehr mit ihr als Person zu tun haben.
Ihre «Pure Lebensfreude» (Titel ihres jüngsten Albums) scheint so irritierend, dass die akademischen Hüter des guten Geschmacks aufgeschreckt worden sind. Ein Berner Sprachwissenschaftler beurteilt ihre Texte (laut 20 Minuten online) als «einfältig, eindimensional und ausserordentlich schlecht». Sie benutze «ausgelutschte Redewendungen» und «einfallslose Metaphern». Texte aus der Schlagerfabrik seien «unpersönlich, uninspiriert, einfallslos und simpel».
In Texten wie Eglis Liedern kreise «eine kleine Welt immer um die gleichen kleingeistigen Sätze», urteilt der Sprachwissenschaftler. Mit andern Worten: Musik muss geschmackvoll und komplex sein und keinesfalls kleinräumig und selbstgenügsam. Schweizer wird schliesslich sogar persönlich. Er betrachtet Beatrice Egli als «ewig lächelnde, profillose Schlagermarionette» und bloss als «Produkt zum Geldscheffeln».
Wenn sich Wissenschafter und Journalisten irritiert bemühen, den Konsumenten klarzumachen, dass Eglis Schlager Gemeinplätze bemühen, dann dürften sie diese vermutlich für dümmer halten, als sie tatsächlich sind. Dass wissen die nämlich selber. Es ist ihnen egal, oder sie geniessen es sogar. Die zeitgenössische Musikpsychologie weiss, dass Musikhören in hohem Masse zur Stimmungsregulation genutzt wird. Als Antidepressivum dient sie aber nur, wenn sie das Alltägliche und Anspruchslose mit etwas Glamour umgibt. Schlagertexte müssen anspruchslos sein, damit sie ihre Wirkung entfalten können.
Der fatale Fehlschluss ist, dass Menschen, die sich gerne von solcher Musik anregen lassen, selber oberflächlich und emotional unreif sind und dass Schlagerstars wie Beatrice Egli künstlerisch und menschlich nichts leisten oder gar Schaden anrichten. Häufig enthalten solche Vorstellungen einen speziellen Schuss Verachtung gegenüber eher weiblichen Erlebensformen, sind doch die Fans von Stars wie Helene Fischer, Andrea Berg oder eben Beatrice Egli tendenziell eher Frauen, die es gewohnt sind, körpernahe, physisch und psychisch anstrengende und schlecht bezahlte Arbeiten zu verrichten.
Die meisten davon, behaupten wir nun mal, verfügen über mehr praktische Lebenserfahrung und emotionale Intelligenz als der durchschnittliche Intellektuelle in der geschützten Werkstatt einer Universität.
Man kann immer bessere Musik schreiben und bessere Texte. Dies ist aber nicht Zweck der Schlagermusik. Aus ihnen auf die Persönlichkeit und die Motive ihrer Vertreter zu schliessen, ist unzulässig. Hinter solchen Urteilen verbirgt sich selber ein zynisches und destruktives Menschenbild. Es geht unbesehen davon aus, dass Schlagersängerinnen wie Beatrice Egli gar nichts anderes sein können als bestenfalls naive Opfer von Machenschaften und schlimmstenfalls verlogene Geldscheffler. Solche Vorurteile scheinen uns weitaus gefährlicher als lebensbejahende, wirkungsvolle und sympathische Gutelaunemusik. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
