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Die Klatschspalten des 18. Jahrhunderts

22.09.2003 — Kaum eine Zeitungsrubrik hat ein tieferes literarisches Prestige und findet höhere Beachtung als die Klatschspalten. Ein Vorläufer der Notizen aus dem Umfeld von musikalischem Glamour und Partytreiben ist Charles Burneys «Tagebuch einer musikalischen Reise», 1771 und 1773 auf Englisch erschienen, in deutscher Übersetzung 1772 und im Folgejahr. Es stellt einen reichen Fundus an Anekdoten und Detailbeobachtungen aus dem Musikleben seiner Zeit auf dem ganzen europäischen Kontinent dar. Wer etwa erfahren will, wie Händel und Mattheson sich auf der Strasse prügelten oder weshalb ein Operndirektor schwangeren Spanierinnen verbot, sein Haus zu betreten, wird hier reichlich bedient. Die Musik einer ganzen Epoche wird lebendig und gewinnt an Bodenständigkeit.

Die Rezeptionsgeschichte des «Tagebuches» ist aber auch ein Zeugnis eines kulturellen Missverständnisses. In Deutschland hatten Burneys Berichte nämlich lange einen schlechten Ruf, weil sie nach dem Urteil Johann Niklaus Forkels und Johann Friedrich Reichardts das nationale Musikleben in ungerechter Weise negativ dargestellt und überdies auch «Unwürdigem» wie dem Treiben in Schenken und auf der Strasse Platz eingeräumt hätten. Mit deutscher Gründlichkeit listeten deshalb Burneys deutsche Übersetzer Christoph Daniel Ebeling und Johann Joachim Christoph Bode vermeintliche und wirkliche Irrtümer im Bericht auf. Selbst von Zensur schreckten sie nicht zurück – unliebsame Passagen des englischen Originals sind teils ganz gestrichen oder ersetzt worden.

Aus heutiger Warte bedauert man die Polemik, die vermutlich weitgehend aus Mentalitätsunterschieden in Sachen Stil und Humor zu erklären sind. Gerade für den heutigen deutschen Leser kann der witzige und sarkastische Grundton des Buches deshalb dazu verhelfen, die eigene Musik- und Bildungstradition erfrischend neu zu sehen.

Das «Tagebuch» stand dem allgemeinen Publikum bislang in einer gekürzten und neu gesetzten Ausgabe zur Verfügung, die ursprünglich im Verlag Philipp Reclam erschien und 1980 von Heinrichshofens Verlag neu aufgelegt wurde. Als Herausgeber amtete Eberhardt Klemm, welcher der Ausgabe auch ein aus dem Dezember 1966 stammendes Vorwort beigesellte. Mit einer hilfreichen Einleitung – von Christoph Hust (2002) – versehen ist auch die vollständige Faksimile-Ausgabe der Hamburger Trilogie, die der Bärenreiter-Verlag nun neu herausgegeben hat. Am Schluss dieser Ausgabe hat Hust, der auch als Herausgeber fungiert, aufgelistet, für welche Fussnoten Burney und für welche die Übersetzer verantwortlich zeichnen. Das Faksimile ist vom Druckhaus Thomas Müntzer in Bad Langensalza liebevoll betreut worden und regt an, in dem Band mehr als bloss zu schmökern. Einziges Hindernis zur Lektüre könnte die für heutige Leserinnen und Leser ungewohnte Frakturschrift bilden. Sie vermittelt aber wiederum auch ein Stück Lebensgefühl der Zeit. (wb)

Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise. Reprint der Ausgabe Hamburg 1772/1773. Vollständige Ausgabe. Hrsg von Christoph Hust. Documenta Musicologica I, Band XIX. ISBN 3-7618-1591. Bärenreiter Verlag 2003. 504 Seiten, 39,90 Euro (71,80 Franken).

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