29.10.2003 — «A Son Altesse Royalle Monseigneur Crétien Louis, Marggraf de Brandenbourg»: Johann Sebastian Bach hat seine Widmung von sechs Konzerten am 24. März 1721 in Köthen unterzeichnet. Philipp Spitta nennt sie in seiner umfangreichen Bach-Monografie (1873) erstmals die «brandenburgischen Concerte».
Nicht zuletzt dank der Verbreitung via Schallplatte zählt die Sammlung weltweit zu den populärsten Bach-Werken. Allerdings tut sich die musikwissenschaftliche Forschung schwer mit den «Brandenburgischen». An den Anfang seiner gründlichen Untersuchung dieser Werkgruppe stellt Peter Schleuning, Professor an der Universität Oldenburg und Flötist mit Konzertreife, sinnvollerweise einen gerafften Überblick über die Stationen der Forschung, die sich mit Ort (Köthen oder Weimar?) und Anlass der Entstehung, mit der Widmung, den Inhalten, der Rezeption befasst: Thesen, Folgerungen, Meinungen, Widersprüche, die der Autor fallweise auch in seinen Werkanalysen zur Sprache bringt.
Schleuning widmet sich in den sechs Porträts in erfrischend unverkrampfter Art den einzelnen Konzerten, erläutert Besetzung, Form, Stil, Motivik, stellt Überlegungen an zu früheren Fassungen und zu gattungsspezifischen Themen. Mit vielen eigenen Erkenntnissen und Fragestellungen belebt er auch die Diskussion um Semantik, Rhetorik, Charakter, um Bedeutung und Funktion dieser Konzerte.
Was teilen die Handschriften mit? Wie wurde komponiert? Was hat das Konzert I mit einer fürstlichen Jagd zu tun, was das Konzert II mit Haydns Es-Dur-Trompetenkonzert und mit Morricones Musik zu Leones Italo-Western «Spiel mir das Lied vom Tod», was das Konzert IV mit Beethovens Streichquartett op. 74? Erhellendes bietet Peter Schleuning nicht zuletzt dank unkonventionellen Ansätzen, originellen Hypothesen und breiter Perspektive. Und weil er in seinen Überlegungen auch dem Rätselhaften, dem Unlösbaren Raum gibt. (ws)
Peter Schleuning: Johann Sebastian Bach – Die Brandenburgischen Konzerte. Mit Abbildungen und vielen Notenbeispielen. Reihe Bärenreiter Werkeinführungen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2003. 196 Seiten. € 12,90. Fr. 22.60.