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Gustav Mahlers Triumphe und Tragödien

04.02.2004 — Gustav Mahler (1860–1911), Komponist, Dirigent, Opernintendant, Regisseur: Der Münchner Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer hat über den «fremden Vertrauten» eine faktenreiche Biographie geschaffen, in der sich auch ein tiefenscharfes Panorama einer Epoche des Umbruchs spiegelt.

«Mahler machte es seinen Freunden nicht immer einfach, seine Freunde zu sein, und er machte es seinen Feinden meist einfach, seine Feinde zu sein.» – «Mahler, der Schroffe, der Hochfahrende, Mahler, der Strenge, der Isolierte, sich selbst Isolierende, der der Welt Abhandengekommene»: Jens Malte Fischer, seit 1960 ein Mahler-Verehrer, doch kein vorbehaltloser, wahrt in seiner imposanten Biographie bei aller Bewunderung des Genies Distanz, geht immer wieder auf Abstand, um Einzelheiten mit Blick aufs Ganze ins Auge zu fassen, abzuwägen, im Geflecht der Bezüge und der zum Teil widersprüchlichen Selbst- und Fremdzeugnisse zu gewichten. Und wenn er sich Mahler, dem Menschen, dem Künstler, nähert, dann mit Bedacht, ohne rasch Antworten oder vorschnell Urteile zur Hand zu haben. Es ist die respektvolle Behutsamkeit, mit welcher Fischer Mahlers Charakter, Leben und Schaffen bis in feine Verästelungen hinein erkundet, die – zusammen mit der Fülle und Vielseitigkeit an Materialien und Dokumenten – eine Arbeit grösseren Umfangs unumgänglich machte.

Äussere und innere Stationen

Die Reichhaltigkeit des Stoffs hat Fischer, der sechs Jahre lang mit diesem Buch beschäftigt war, überschaubar gegliedert. In chronologischem Erzählen schreitet er Mahlers Weg nach von dessen Kindheit im mährischen Iglau über das Studium in Wien zu den Wirkungsstätten als Kapellmeister (Bad Hall, Laibach, Olmütz, Kassel, Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg) bis zum Höhepunkt seiner Karriere als Direktor an der Wiener Hofoper (1897–1908) und der letzten Arbeitsstätte New York (1908–1911). Gute Orientierung leistet die ausführliche Chronik im Anhang.

Zwischen die den Lebensstationen gewidmeten Kapitel stellt der Autor thematisch fokussierte Exkurse (Mahler und die Literatur, der Dirigent, Judentum und Identität, Glaube und Weltanschauung, der kranke Mahler) und Werkbeschreibungen. Diese Gruppierung des Materials ermöglicht es den Lesenden, einzelne Kapitel in freier Folge herauszugreifen; dank Kurzfassungen wichtiger Informationen in anderen Teilen bleibt der Sinnzusammenhang gewährleistet.

Kein geringer Gewinn: Fischers gedanklich klarer, eleganter Stil. Ein intensiv und inhaltlich brillant gepflegtes Mittel sind Bemerkungen in Klammern, welche Erhellendes oder Kritisches, Relativierendes oder eine Mutmassung beifügen.

Mit weitem Umblick

Jens Malte Fischer, 1943 in Salzburg geboren, wirkt seit 1989 als Professor für Theaterwissenschaft in München. Dass er ein von der Musik und von Gustav Mahler Begeisterter, aber kein zünftiger Musikwissenschaftler ist, merkt man nur den Werkbeschreibungen an; sie enthalten sich einlässlicher Analysen und Notenbeispiele, warten dafür auf mit Informationen und Mitteilungen Mahlers und Dritter zu Plänen, zur Entstehung, zum Programm, zu den ersten Aufführungen, zur Nachwirkung, zum Werkprozess. Neben einem Werkregister finden sich im Anhang auch persönliche Anmerkungen zur Mahler-Interpretation und -Diskographie.

Eines der Qualitätsmerkmale dieser Biographie ist der weite Horizont ihres Autors, sind dessen Kenntnisse auf Gebieten, die im Zusammenhang mit Mahlers Existenz Bedeutung haben. Etwa die Abschnitte, in denen Fischer reich dokumentierend historische, politische, soziologische, kulturelle, religiöse Hintergründe, Strömungen und Stimmungen ausleuchtet: die Situation in der k. u. k Monarchie, im Wien der 1870-er Jahre und um die Jahrhundertwende, die Kultur des Fin de siècle und der Secession, die Zustände an den Opernhäusern, in denen Mahler wirkte, das Musikleben New Yorks, das weite Feld von Antisemitismus und Anti-Modernismus.

Wohlwollend-kritische Aufmerksamkeit wendet Fischer einer Vielzahl von Menschen zu, die in Mahlers Leben eingewirkt haben, Vorgesetzte, Freunde (der Mahler-Kreis in Wien), Künstler, Philosophen, Politiker, Verehrer, Gönner, Kritiker und Widersacher. Frauen waren in Mahlers Leben stets einflussreich: die Schwester Justine, Natalie Bauer-Lechner, eine Galerie von Opernsängerinnen, seine um eine Generation jüngere Gattin Alma Mahler geborene Schindler (die Fischer aussergewöhnlich subtil porträtiert) und die beiden Töchter. Almas selbstverliebten Erinnerungen begegnet er mit grössten Vorbehalten – mittels Zeugnissen von weniger selbstbezogenen Mahler-Vertrauten demontiert er vieles, das in frühere Biographien distanzlos und das Mahler-Bild arg verfälschend, weil glättend und heroisierend, Eingang gefunden hat.

Psychologisch ausgelotet

Nicht nur ein Meister facettenreicher Momentaufnahmen und plastischer Zeit- und Stimmungsbilder ist Jens Malte Fischer, er verfügt auch über die Sensibilität zur psychologischen Durchdringung des Wesens und Verhaltens von Personen und über Scharfsinn bei der Analyse von Ereignissen und von häufig divergentem Quellenmaterial. Dies führt zu einem Mahler-Porträt, das die unsteten äusseren Lebensumstände ebenso umsichtig nachzeichnet wie Mahlers Denken, die Einflüsse durch Musik, Literatur, Philosophie und Religion, die vielen «Ich-Identitäten in seiner weitgespannten Brust»: den Humoristen, den Satiriker und Parodisten, den Naturanbeter, den Enthusiasten, den Elegiker. Mahler, der kompromisslose Dirigent, der Opernreformer, der Komponist, der leidenschaftlich Liebende, der Kranke, Leidende, Mahler, der Zweifelnde, Verzweifelnde, Scheiternde – in der vielstimmigen Lebenspartitur bringt Jens Malte Fischer die Konsonanzen und die Dissonanzen zur Wirkung.

In der Besprechung der 5. Sinfonie (jener mit dem durch Viscontis Film «Tod in Venedig» populär gewordenen Adagietto) hält er fest: «Mit einem Vokabular, das einem vertraut, manchmal durchaus heimelig erscheint, spricht Mahler das Unerhörte und Unheimliche, das Bestürzende und Umstürzende aus. Das Fremde klingt vertraut, das Vertraute wirkt fremd; dies lässt sich durchaus auch auf die immer wieder rätselhaft wirkende Persönlichkeit Mahlers übertragen.» (ws)

Jens Malte Fischer: Gustav Mahler. Der fremde Vertraute. Biographie. Mit 34 Abbildungen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003. 992 Seiten. € 45,-. Fr. 74.-.

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