01.03.2004 – Zentralgott Wotan, der Einäugige mit der Weltesche (warum verlor er das andere Auge?), hat über sich noch seine Gattin (wie heisst sie doch gleich?), die ihm am Zeug flickt und die Leviten liest. Im Rhein klaut der tauchkundige Zwerg (ists Nibelung oder eher Mime?) das Gold aus dem Riff, schockt damit die drei Walküren (oder die Nornen). Siegfried mit der Tarnkappe freit Krimhild (oder Waltraute) – jedenfalls am Schluss endet Siegfried mit einem Speer im Rücken, und irgendwer fackelt wegen irgendeines Schmuckstücks (Halsband, Brosche?) die schöne Bergburg ab, wo die Götter thronen. Und die Oper heisst so wie «Wagnerdämmerung».
Wenns um Richard Wagners «Ring des Nibelungen» geht, will niemand nicht im Bilde sein, doch die Bilder sind in der Regel unscharf, meist verzerrt, verworren, lückenhaft. Tatsächlich überaus verwirrlich ist es, das monumentalste Werk des Musiktheaters, mit dessen Uraufführung 1876 das eigens dafür gebaute Bayreuther Festspielhaus eingeweiht wurde.
Robert Maschka, Musikjournalist und ausgewiesener Opernkenner, bietet sich an als gewiefter und witziger Cicerone durch die «Ring»-Tetralogie. Er bringt Ordnung in die Welt der Götter, Riesen, Drachen, Walküren, Helden und Menschen, die Tatorte zu Land und unter Wasser, die Handlungsknäuel, und er trägt die Mythen und die Quellen zusammen, aus denen Wagner geschöpft hat, zeichnet die Entstehungsgeschichte und die Rezeption des «Rings» von 1876 bis ins 20. Jahrhundert nach. Dem Lauftext eingeschoben sind Charakterisierungen der Protagonisten und Erläuterungen zum Werk und zu einzelnen Handlungen. Besondere Aufmerksamkeit richtet der Autor auf die musikalischen Leitmotive und ihre Beziehungen; im Anhang finden sich die entsprechenden Notenbeispiele.
Robert Maschka gewinnt, gestützt auch auf Wagners Zeugnisse zum «Ring», aufschlussreiche Hinweise auf die Wirkungsabsicht des Werks: «Wagners kühne Mythen-Uminterpretation ist ein künstlerisches Mittel zur Zukunftsgewinnung, der Rückgriff wird im Sinne einer konkreten Utopie zum Vorgriff.» Der «Ring» spiele eigentlich «zur Zeit der Industrialisierung, mitten im Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts». Der Autor exemplifiziert Wagners Sozialutopie anhand der Personen und ihres Wirkens und Verhaltens schlüssig, kundig und anregend.
Das Büchlein für Wagner-Novizen und Wagner-Experten ist ursprünglich im Piper Verlag erschienen; in 3. Auflage kommt es bei Bärenreiter heraus – leider mitsamt etlichen unkorrigiert gebliebenen Setzfehlern. (ws)
Robert Maschka: Wagners «Ring» kurz und bündig. 3. Auflage. Bärenreiter Verlag, Kassel 2004. 125 Seiten. € 9,95. Fr. 17.90.