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«Missa solemnis» – ein «complicirtes Tonwerk»

21.03.2004 — Wissen Sie, wie die «Missa solemnis» zu ihrem Namen kam? Wem sie gewidmet ist? Was es mit dem Widmungstext «Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehn!» auf sich hat? Welchen Verlegern Beethoven die Druckrechte für «meine grosse solenne Messe» anbot? Wieviele autorisierte Partiturabschriften er zum Verkaufen herstellen liess? Dass er sich darum bemühte, die Missa im Konzertleben als «Oratorium» einzuführen? Wo das ganze Werk unter welchem Dirigenten zur Uraufführung gebracht wurde? Dass biographisch gesehen die zwischen 1819 und 1823 entstandene «Missa solemnis» ein Dokument des Scheiterns ist?

Wie spannend das Erkunden der biographischen Hintergründe und der Entstehung, der Konzeption, des Ideengehalts dieses von Beethoven selbst als sein «grösstes und gelungenstes Werk» bezeichneten Messe sein kann, beweist Sven Hiemke, Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, in seiner an Facetten und überraschenden Einsichten reichen Werkeinführung.

Eine Chronik der Jahre von 1819 bis 1830 hält zu Beginn die mit Beethovens Leben und der «Missa solemnis» verknüpften Daten und Fakten fest. Im ersten Kapitel dann geht der Autor auf das bekannte Gemälde von Joseph Karl Stieler ein, das den Komponisten mit einem Entwurf zum Credo der Missa zeigt, erhellt Beethovens Denkmodelle auf der Suche nach Gott und dem Göttlichen und die weltlichen Absichten, die Beethoven mit seiner zweiten Messe-Vertonung verband – er hoffte auf die Berufung zum Hofkapellmeister durch seinen Gönner Erzherzog Rudolph.

Das folgende Kapitel geht den Voraussetzungen nach, die Beethoven bei der Komposition zu berücksichtigen hatte und öffnet Perspektiven zum Hören des Werks. Daran schliesst sich als dritter Teil die detailreiche Werkbeschreibung an, gegliedert nach den fünf Einzelsätzen; die Analyse der Gestaltung und Wirkung wird illustriert durch viele Notenbeispiele und tabellarische Aufstellungen.

Dass Beethoven ein gewiefter und mit unzimperlichen Mitteln ins Feld ziehender Vermarktungsstratege gerade auch der «Missa solemnis» war, macht Hiemke im 4. Teil anhand aufschlussreicher Dokumente deutlich. Der Rezeption der Missa zu Lebzeiten des Komponisten und den programmatischen Deutungsversuchen nach dessen Tod widmet der Autor das Schlusskapitel. Als «complicirtes Tonwerk» bezeichnete sie ein Kritiker 1827, ein anderer (Johann Friedrich Rochlitz) schrieb von «höchst fremdartigen Kombinationen», der «hartnäckigen Verschmähung jedes Masses» und der «gewaltsamen Anwendung jedes Mittels».

Einer der vielen Vorzüge von Sven Hiemkes Untersuchung ist, dass er nicht nur wesentliche (oder fragwürdige) Erkenntnisse anderer Musikwissenschaftler einbringt, sondern die Fülle der Selbstzeugnisse und Dokumente kritisch sichtet und interpretiert. Zudem arbeitet er heraus, dass der Begriff «Oratorium» eine ästhetische Referenzgattung für die «dramatische» Konzeption der Missa ist, in der als strukturelles Grundprinzip zwei Sinnsphären, die «himmlische» und die «irdische», kontrastieren. Beethovens persönliches Glaubensbekenntnis, so Hiemke, sei nicht dogmatischer, sondern philosophischer Natur: «Die ,Missa solemnis‘ ist eine Allegorie der menschlichen Erkenntnisunfähigkeit göttlicher Dimensionen.»

Übrigens: Die Uraufführung der (ganzen) «Missa solemnis» fand 1824 in St. Petersburg statt. Der Name des Dirigenten konnte bisher nicht eruiert werden. (ws)

Sven Hiemke: Ludwig van Beethoven, Missa solemnis. Bärenreiter Werkeinführungen. Bärenreiter Verlag, Kassel 2003. Mit einer Abbildung und vielen Notenbeispielen. 203 Seiten. € 13,95. Fr. 25.-

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