10.05.2004 — Nach Anton Bruckners Tod am 11.Oktober 1896 fielen die Souvenirjäger über seinen Nachlass her. Anzunehmen ist, dass sie auch mancher Manuskriptblätter habhaft wurden, unter denen sich auch solche befanden, die zum vierten Satz der 9. Sinfonie gehörten, an dem der kranke Meister vom Mai 1895 bis zum August 1896 gearbeitet hatte.
Dass er dabei bereits weit fortgeschritten war, das Finale nicht im Stadium zusammenhangloser Skizzen hinterliess, sondern als Partitur im vorletzten Arbeitsstadium, wird oft noch verkannt. «Das Endstadium der Partitur zur Zeit von Bruckners Tod dürfte insgesamt wohl mehr als 40 Partiturbogen mit weit mehr als 600 Takten Musik enthalten haben», folgert Benjamin-Gunnar Cohrs in einem Beitrag im von ihm konzipierten Band «Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption». Allerdings seien vom Endstadium der Partitur ein Verlust von bis zu 20 Bogen zu konstatieren – die Hälfte des gesamten Materials. Das Finale habe zum Zeitpunkt von Bruckners Tod «den Zustand einer Fixierung des endgültigen Textes in einer musikalisch und strukturell ausgereiften Primärstufe nicht nur längst erreicht, sondern in weiten Teilen bereits überwunden».
Der Musik-Konzepte-Band stellt in fünfzehn Beiträgen und in einlässlichen Untersuchungen und persönlichen Einschätzungen die jüngsten Forschungsergebnisse um das Finale von Bruckners Neunter dar.
In Artikeln von John Alan Phillips, Benjamin-Gunnar Cohrs, Constantin Floros, Hartmut Krones, Cornelis van Zwol, Franz Zamazal, Manfred Wagner und Nikolaus Harnoncourt werden der erhaltene Stand des Finales und die Einrichtungen, Bearbeitungen, Vervollständigungen, Dokumentationen und Aufführungsfassungen, die zwischen 1934 und 1996 angefertigt wurden, besprochen, jüngere philologische Erkenntnisse vorgestellt, Probleme der Rezeption und der Analyse von Bruckners Neunter und deren Finalsatz referiert.
In einem Übersichts-Particell sind die erhaltenen Bogen des letzten Arbeitsstadiums samt den Skizzen zur Coda abgedruckt mit einer hypothetischen Taktnummerierung, die einen vergleichenden Bezug zur Aufführungsfassung von Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca (1992/1996) ermöglicht.
Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker haben an den Salzburger Festspielen 2002 in einem Gesprächskonzert die Dokumentation des Fragments (Hrsg. John A. Phillips) sowie die Kritische Neuausgabe von Benjamin-Gunnar Cohrs der Sätze 1 bis 3 von Bruckners Neunter vorgestellt (Ersteinspielung RCA SACD 82876 54332 2; 2 CDs).
Der Musik-Konzepte-Band räumt mit Missverständnissen, Anmassungen und Fehldeutungen zum Thema Bruckner und seiner 9. Sinfonie auf, vermittelt die Ergebnisse der jüngeren Quellenforschung in Bezug auf die Details (Partiturbogen, Satzverlaufsentwürfe, Particells) und die Gesamtgestalt des Finalsatzes und bietet, auch dank der Auswahl-Bibliographie und -Diskographie, eine gewichtige, reich facettierte Würdigung Bruckners und seiner letzten Sinfonie. (ws)
Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption . Musik-Konzepte 120/121/122. Edition text + kritik, München. 245 Seiten. € 26,00. Fr. 44.-