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Stalin und Schostakowitsch

04.06.2004 — Solomon Wolkow, russischer Musikwissenschafter und Herausgeber der Memoiren Dmitri Schostakowitschs, schildert in seinem Buch «Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler» die Beziehung zwischen dem brutalen Tyrannen und dem genialen Komponisten.

In seiner kulturgeschichtlichen Studie untersucht Wolkow vor dem Hintergrund der politischen und der kulturellen Bedingungen der Stalinära, die er kritisch ausleuchtet, die Interaktion zwischen Stalin und Schostakowitsch. Erhellend ist, dass der Autor den Gewaltherrscher im Umgang mit den Künstlern in die Tradition der Zaren stellt und das Verhalten des Musikers mit der typisch russischen Rolle des Gottesnarren identifiziert.

Stalin (1879–1953). Er verstand nicht viel von Kunst, doch sie hatte seinem Geschmack zu entsprechen. Er, der «Kulturfan» (Wolkow), setzte die Kultur als Instrument der politischen Erziehung und Kontrolle ein. Die Literaten, Theaterleute und Filmregisseure, Maler, Bildhauer, Musiker seines Terrorstaates hatten sich seinen Anordnungen widerspruchslos zu fügen. Wer opponierte, wurde mundtot gemacht, verschwand in einem sibirischen Gulag oder wurde umgebracht. Schauprozesse waren kurz, hatten aber abschreckende, schockierende, lähmende Wirkung.

Schostakowitsch (1906–1975). In der Rückschau seiner Memoiren am Ende seines Lebens nannte er es ein «graues», ein «farbloses», «trübseliges». Er war geknebelt, gedemütigt und instrumentalisiert worden, er war, um sein Leben zu retten, gezwungen, Zugeständnisse zu machen, menschliche und künstlerische, er kämpfte unbeugsam um seine Kunst und sein Gewissen. Mit welch horrendem psychischem und physischem Aufwand, mit welchen Mitteln und Finten es ihm beharrlich gelang, seine Würde zu wahren und seine wichtigsten Werke in den Dienst der Wahrheit und des Protestes zu stellen, wird deutlich in Wolkows kenntnisreicher engagierter Nachforschung.

«Chaos statt Musik»

1936 und 1948: Die beiden Jahreszahlen markieren Schlüsselereignisse im Leben und Schaffen Schostakowitschs. 1936 traf Stalins Bannstrahl die überaus erfolgreiche Oper «Lady Macbeth von Mzensk» (in Leningrad war das Werk in knapp einem Jahr fünfzig Mal, in Moskau in zwei Spielzeiten fast hundert Mal aufgeführt worden). Die «Prawda» publizierte den Artikel «Chaos statt Musik» mit dem Untertitel «Über die Oper ,Lady Macbeth von Mzensk’». In diesem klassischen Beispiel autoritärer staatlicher Kulturkritik – Schostakowitsch wird darin des Formalismus und Naturalismus bezichtigt – sieht auch Wolkow Stalins eigene Handschrift und bringt in der Folge immer wieder Belege und Analysen kulturpolitischer Traktate, die Stalin selbst verfasst haben muss. Gefordert waren in der sowjetischen Kunst nun «Einfachheit und Klarheit» kontra «Formalismus [bald mit «Konterrevolution» gleichgesetzt] und Heuchelei». Stalin intensivierte den Staatsterror, der seit 1934 wütete.

Schostakowitsch, 30-jährig und bereits international bekannt, war in seiner Heimat geächtet, hatte um sein Leben zu fürchten. Ausser Zweifel stehe, so Wolkow, «dass die Anfeindungen, die Verhöre und Prozesse in jener Periode die Entwicklung seines Charakters und seiner Begabung nachhaltig beeinflussten und erheblich beschleunigten.»

«In dieser Zeit übernahm Schostakowitsch das Modell, das Puschkin für das Verhalten eines russischen Poeten angesichts der direkten Bedrohung durch einen Zaren entwickelt hatte», folgert Wolkow. «Nach diesem Modell konnte er sich – wie in Puschkins Drama ,Boris Godunow’ und später in Mussorgskis gleichnamiger Oper dargestellt – hinter den drei Masken des Chronisten, des Gottesnarren und des Prätendenten verstecken.»

Der Gottesnarr

Solomon Wolkow, geboren 1944 in Leninabad, seit 1976 in New York lebend, zeichnete aufgrund vieler Gespräche mit Schostakowitsch dessen Memoiren auf. 1979, vier Jahre nach dem Tod des Komponisten, publizierte er sie. (Die erbittert geführte Debatte um die Echtheit dieser Lebenserinnerungen hat Michael Koball in seinem Beitrag «Der lange Weg zur Wahrheit» in deren Neuausgabe zusammengefasst und kommentiert; List Verlag, 2000, Taschenbuch 60335.)

Schostakowitsch selber, der kaum wirklich Persönliches oder einlässlich Werkimmanentes preisgibt, nennt darin den Gottesnarren zwar nur in Bezug auf Wassili (in «Boris Godunow») und auf einen seiner Lieblingskomponisten: «Mussorgski war wahrscheinlich der heiligste aller Gottesnarren unter den russischen und nicht nur unter den russischen Komponisten». Dass Schostakowitsch 1936 selbst in die Rolle eines Gottesnarren schlüpfte und sie bis zum Tod beibehielt, hat Wolkow im Memoirenband bereits skizziert, und er führt diese Interpretation im Buch «Stalin und Schostakowitsch» breiter und vertiefend aus.

Der «jurodiwy», der Gottesnarr, verfügt über die Gabe zu sehen und zu hören, was anderen verborgen ist. Während er in verschlüsselter Art und Weise, als Prophet und als tumber Tor, davon erzählt, Ungerechtigkeit, Dummheit und das Böse entlarvt und anklagt, missachtet er, Individualist und Anarchist, die geltenden Verhaltensnormen. Er geniesst Narrenfreiheit und das Recht auf Kritik und Absonderlichkeit; seine Worte werden von Herrschenden und Untertanen beachtet, gar gefürchtet.

Dialog und Konfrontation

Wolkow schildert die Geschichte und das Wesen des bis ins Mittelalter zurück reichenden russischen religiösen Phänomens, ausgehend von den fiktionalen Masken des Dichters Alexander Puschkin und seinem Verhältnis zu Zar Nikolaus I. «Die Ähnlichkeit zwischen den kulturellen Ideen und Themen der Ära Nikolaus’ I. und derjenigen Stalins bestätigt sich, wohin man auch schaut.» Wolkow erläutert Parallelen im politischen Denken und im Verhalten beider Gewaltherrscher. Ein Wesenszug von Despoten sei ihre Angst vor Verschwörungen, aber auch vor dem Unkontrollierten und Unkontrollierbaren.

Er arbeitet in seiner Untersuchung heraus, wie Schostakowitsch, die «gepeinigte und schwierige Persönlichkeit», zum Bewahrer der von Puschkin und Mussorgski vertretenen russischen Tradition des Dialogs und der Konfrontation zwischen Künstler und Tyrann wurde. Dabei umreisst der Autor auch das Umfeld, die zeitgeschichtlichen aussen- und innenpolitischen Ereignisse (die russischen Archive der Stalinära sind noch nicht zugänglich), die sozialen, kulturellen, kulturpolitischen Fakten und Entwicklungen.

Zeitzeuge und Chronist

Mit psychologischem Einfühlungsvermögen analysiert Wolkow das wechselhafte Verhältnis zwischen «dem halbwahnsinnigen Stalin, dem viehischen Henker» (Schostakowitsch) und dem an Leib, Leben und in der Freiheit seines Schaffens stets höchst gefährdeten Komponisten, der seine persönlichen Tragödien, die seiner Freunde und aller Verfolgten in seinem Œuvre verarbeitete. Und verschlüsselte, indem er – seine wahren Ansichten nicht preisgebend – in öffentlichen Stellungnahmen vielen seiner Kompositionen einen fingierten (meist patriotischen) Inhalt zuschrieb, welcher der offiziellen Staatsdoktrin Genüge tat. Die eigentliche Aussage des Werks entsprach dem keineswegs; dem sensibilisierten Publikum blieb sie allerdings nicht verborgen. Auch dass Schostakowitsch offizielle Verlautbarungen unterschrieb oder öffentlich mechanisch vom Blatt ablas, ablesen musste, und dass sein Name ohne sein Wissen unter «Prawda»-Artikel gesetzt wurde, ist seit langem unbestritten.

Dank seinem raschen politischen Reifeprozess und seiner Hellsichtigkeit liess er sich nicht vom Staat vereinnamen. Er erkannte, wie lebensgefährlich es war, gegenteilige Ansichten oder gar Proteste unchiffriert zu äussern. Sämtliche «Erklärungen» und «Appelle» brachte er als Zeitzeuge und als Chronist fortan nur noch in seine Kompositionen ein. «Die Musik muss immer zwei Schichten enthalten», sagt er in den Memoiren. Wolkow: «Seit seiner Vierten Symphonie [1936] sind die meisten seiner grossen Werke mehr oder weniger autobiographisch.» Die in die Musik eingebrachten Hinweise, den Subtext, und Schostakowitschs hochentwickelte Motiv- und Zitattechnik im Einzelnen zu entschlüsseln, bleibt trotz manchen Forschungsergebnissen noch zu leisten.

Das Janusgesichtige in Schostakowitschs erzwungenem Verhalten und in seinem Œuvre ist allerdings in der Zeit des Kalten Kriegs und der Verteufelung sowjetischer Kunstschaffender im Westen kaum erkannt worden.

Ein breites Panorama

Dass Schostakowitsch einen lebensbedrohenden Weg hart am Abgrund beschritt (die Komposition von Stalin genehmer Filmmusik stellte für ihn eine Art Lebensversicherung dar), wurde ihm 1948 deutlich gemacht: Um die «schädlichen westlichen Einflüsse» abzublocken, setzte Stalin auf breiter Front eine neue ideologische Kampagne in Marsch, deren Hauptstoss sich gegen Schostakowitsch und Prokofiew richtete und eine «schöne, anmutige, formvollendete» Musik forderte. Schostakowitsch, Träger von Stalinpreisen, musste seine Professuren in Moskau und Leningrad aufgeben, viele seiner Werke durften, wie die anderer «Formalisten», nicht mehr gespielt werden.

Das Duell mit ungleichen Waffen trat in eine neue Phase. Schostakowitsch musste, wollte er weiter arbeiten, Stalin, der ihn nicht aus den Augen liess, gefällig sein und Kompromisse eingehen, die seinem Ansehen in den Augen vieler in der Sowjetunion wie im Westen schadeten.

Ins über Jahrhunderte gespannte Panorama, das Solomon Wolkow in seinem Buch ausbreitet, bezieht er auch die Geschichte und die Tragödie der russischen Intelligenzija des 19. und 20. Jahrhunderts ein, die Beziehung zwischen Schostakowitschs Musik und der Kulturphilosophie Michail Bachtins, die trügerische «Tauwetter»-Phase unter Chruschtschow, nicht zuletzt auch die Schicksale vieler bedeutender Kunstschaffenden, von Weggefährten und Leidensgenossen (auch von Widersachern) Schostakowitschs, darunter Anna Achmatowa, Boris Assafiew, Babel, Bulgakow, Chatschaturjan, Eisenstein, Gorki, Jewtuschenko, Maria Judina, Majakowski, Mandelstam, Meyerhold, Muradeli, Pasternak, Prokofiew, Sollertinski, Soschtschenko, Tuchatschewski, Marina Zwetajewa.

Wolkows Buch ist ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Schostakowitschs Psyche, seines Lebens und Schaffens, eine reich dokumentierte, spannend erzählte Kulturgeschichte, ein eindrückliches Exempel für die «bizarre Verstrickung, gegenseitige Beeinflussung und wechselseitige Abstossung von Politik und Kunst» und für die Gefährdung der Kunst und des Künstlers im totalitären Staat, für den Triumph der Kunst über die Barbarei. (ws)

Solomon Wolkow: Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt. Mit 33 Abbildungen, Bibliographie und Personenregister. Propyläen Verlag, Berlin 2004. 461 Seiten. € 29,-. Fr. 51.-

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