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Furtwängler, «Prophet der Vergangenheit»

28.06.2004 — Wilhelm Furtwängler: War er Opportunist, ängstlicher Mitläufer, mutiger Retter Verfolgter? Wenn über ihn, den grossen Dirigenten, debattiert wird, steht immer auch sein Verhalten im Dritten Reich zur Diskussion. Der deutsche Kulturpublizist Herbert Haffner geht im Band «Furtwängler», einer fundierten «biografischen Betrachtung», dem Phänomen Furtwängler nach – ohne Vorurteile, nüchtern, doch ebenso differenziert wie prononciert in der Beurteilung: Ein Idealist und Utopist traf auf brutale Despoten, die er in ihrer Menschenverachtung und Kulturfeindlichkeit unterschätzte, und klammerte sich an die Idee, Kunst und Politik liessen sich trennen.

«Man weiss nicht, wie man mit ihm und seinen vielen schillernden Wahrheiten umgehen soll, mit ihm, der bis zuletzt der herausragende Repräsentant der deutschen Musik in aller Welt war. Mit diesem so politischen Unpolitischen, der Kunst und Politik trennen wollte, aber Musikpolitik betrieb. Man hat Schwierigkeiten, die Fama Furtwänglers und die menschliche Realität zur Deckung zu bringen.» – Gleich auf der ersten Seite seiner (typografisch sorgsam gestalteten) Biografie umreisst Herbert Haffner die Schwierigkeiten, mit welcher Zeitgenossen und Nachgeborene konfrontiert waren und sind, wenn sie Wilhelm Furtwängler (1886–1954) gerecht werden wollen.

«Ein Auserwählter»

1910, der 24-jährige Dirigent war in Strassburg engagiert, schrieb ein Münchner Kritiker über die von Furtwängler geleitete Aufführung der Flotow-Oper «Martha»: «Ein völlig hoffnungsloser Fall, aus dem niemals ein brauchbarer Kapellmeister werden kann.» Ein Strassburger Rezensent äusserte: «Auch die musikalische Leitung – durch Herrn Furtwängler, dem jüngsten der Taktmeister – liess sehr zu wünschen übrig, hauptsächlich infolge der übermässigen Unruhe des Dirigenten.»

Ende der Dreissigerjahre war Furtwängler bereits zum Musik-Messias aufgestiegen: «Dieser Furtwängler ist von Gott gesandt, er ist ein begnadeter, der zur rechten Zeit geboren wurde, um unserer armseligen Gegenwart die herrlichen Gefilde der deutschen klassischen und romantischen Kunst neu zu öffnen.» (Zitat aus einer Jenaer Zeitung)

Schritt um Schritt verfolgt Herbert Haffner das Privatleben und den künstlerischen Aufstieg des Konzert- und Operndirigenten Furtwängler von den Anfängen in Breslau (1905/06) über Zürich, Strassburg, Lübeck und Mannheim nach Wien (1919), Berlin (1920), Bayreuth (1931) und Salzburg (1937), die Gastspiele in Europa, Ägypten und in Übersee, die Tourneen mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern, die Einspielungen (ab 1926), die Triumphe und Rückschläge, Zerwürfnisse, Querelen und Enttäuschungen.

Am Ende stand Furtwänglers Selbstaufgabe als Folge nachlassenden Gehörs und überhand nehmender Depression: «Es wird mir verzweifelt schwer, die Erkenntnis dessen, was ich hätte werden können, und was in Wirklichkeit geworden ist, anzunehmen», notiert er 1953, ein Jahr vor seinem Tod.

Komplexe Persönlichkeit

Dieses Künstlerleben, dessen Mythos noch heute, ein halbes Jahrhundert nach Furtwänglers Hinschied, im internationalen Kreis der Musikfreunde lebendig ist, kann nicht losgelöst von den sozialen und politischen Hintergründen des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der Diktatur der Nationalsozialisten beurteilt werden.

Die Bewertung ist nicht zuletzt heikel wegen Furtwänglers komplexer, widersprüchlicher Persönlichkeitsstruktur, weil die Meinungen der Zeitgenossen, der Freunde und der Widersacher, divergieren und weil die Machthaber des Dritten Reiches den weltberühmten Exponenten deutscher Kultur für ihre Zwecke propagandistisch vereinnahmt haben.

Herbert Haffner erhellt Furtwänglers Verhalten aus den Bedingungen seiner Zeit, hält dabei mit persönlicher Meinung in Details wie mit Versuchen der Einordnung in konzentrierten Analysen nicht zurück, ohne sich dabei indes in Spitzfindigkeiten zu versteigen; vornehmlich aber hat er eine Fülle von Briefen und Erinnerungen Furtwänglers, von Äusserungen und Urteilen Dritter zusammengetragen. Dieses breite Spektrum an Materialien, darunter manche bisher unbeachtet gebliebene, falsche oder falsch interpretierte, erlaubt es dem Lesenden, eine persönliche Gewichtung und Auslegung vorzunehmen.

Die Tragik des Wilhelm Furtwängler war, wie sein Biograf zeigt, eine zweifache, eine innere und eine «äussere», eine selbst geschaffene und eine ihm durch die Zeitumstände, das politische Umfeld aufgepresste.

Dirigieren als Ausweg

Furtwängler begann in frühen Jugendjahren als Komponist von Liedern, Kammer- und Orchestermusik, schuf sich während seiner Dirigentenkarriere immer wieder Freiraum und ausgedehnte Dirigierpausen für sein Komponieren und verstand sich bis ans Ende seines Lebens in erster Linie als Komponist. In einem Brief schreibt er über seine Lehrzeit als sinfonischer Kapellmeister, das Dirigieren sei «das Dach, unter das ich mich im Leben geflüchtet habe, weil ich im Begriff war, als Komponist zu Grunde zu gehen».

Das Echo auf seine nachschöpferische Tätigkeit unterschied sich eklatant von jenem auf sein anachronistisches kompositorisches Œuvre. Über Furtwänglers 2. Sinfonie schrieb 1950 ein Münchner Rezensent: «Er, der jeden Tag von neuem die beglückende Wunderwirkung seiner einzigartigen schöpferischen Reproduktionen erlebt, vermag nicht zu fassen, dass etwas Vergangenes, das doch noch so gegenwärtig scheint, in der Gegenwärtigkeit doch als Vergangenes erscheinen muss. […] Furtwänglers Zweite Symphonie e-moll ist dafür ein Beweis. In ihr verbinden sich Brahms’sche Nachimpressionen mit Tschaikowsky verwandten Trivialitäten zu einem brucknerlangen Abgesang.»

Der damalige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker urteilt: «Es ist merkwürdig – grosse Musiker glauben immer, sie seien auf einem anderen Gebiet noch grösser als sie es wirklich sind. Furtwängler war einer der grössten Dirigenten, ein grossartiger Pianist, aber er hat wirklich geglaubt, er sei ein ganz grosser Komponist, der nur verkannt werde, dessen Zeit aber noch komme.»

Ein breites Panorama

Der Autor zieht die Kreise weit, fasst das Umfeld Furtwänglers in seine einlässliche Darstellung mit ein: Familie, Freunde und Frauen (samt den etlichen unehelichen Kindern), Kollegen und Konkurrenten (Intimfeind Karajan, der doppeltes NSDAP-Mitglied war), die Einflüsse durch Persönlichkeiten wie Arthur Nikisch, Ludwig Curtius und Heinrich Schenker oder durch intellektuelle Zirkel der Münchner Bohème mit ihrem Kampf um die neuen Ideale der Kunst.

So entfaltet Haffner um die Hauptperson ein Panorama des geistigen und des musikalischen Lebens im Deutschland zwischen der Mitte des 19. und des 20. Jahrhunderts. Wichtige innen- und aussenpolitische Stationen der Hitler-Diktatur sind einbezogen; Ergänzendes, Vertiefendes dazu hätte den Umfang des Buchs gesprengt. Indes mag gerade einer jungen, mit der Geschichte des Dritten Reichs wenig vertrauten Generation hier nicht die ganze Wucht des Infernos, das da über die Völker niederbrach, nicht das ungeheure Ausmass der zügellosen Gewaltherrschaft und deren Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens mit wünschbarer Intensität einsichtig werden.

Furtwängler, der die Gipfel des einem nachschaffenden Künstler Erreichbaren bezwang, hat am Ende seines Lebens die Divergenz zwischen dem, «was ich hätte werden können, und was in Wirklichkeit geworden ist», als Beweis für ein Scheitern seines Künstlertums gewertet. Seiner Natur gemäss, so ist anzunehmen, lokalisierte er die Ursache dafür in den Unbilden der Zeit.

«Was wirft man mir eigentlich vor?» fragte er, der nicht Parteimitglied war, Ende 1945 einen Berliner Intendanten. Und einem väterlichen Freund schreibt Furtwängler, ungeduldig auf das Entnazifizierungsverfahren wartend, selbstmitleidig: «Wie sehr ich Deutscher bin, was es heisst, Deutscher zu sein, weiss ich jetzt erst ganz. Das Schicksal hat eine furchtbare Wendung genommen.»

Überpolitische Kunst?

Der 1886 als Sohn des Archäologen und späteren Münchner Universitätsprofessors Adolf Furtwängler geborene Wilhelm ist intellektuell und emotional ganz im Deutschland des 19. Jahrhunderts, im Kaiserreich verwurzelt. Der Erste Weltkrieg hatte die Vorbildfunktion des alten Europa ausgehöhlt. Doch das «wahre Deutschland» durfte nicht untergehen: «Er transportiert mit jedem seiner Konzerte die ihn zutiefst bestimmende Überzeugung von der Grösse und Überlegenheit Deutschlands – eben auf seinem Spezialgebiet, der Musik», schreibt Haffner. Wobei anzufügen ist, dass hier auch Österreich mitgedacht war.

«So ist Furtwängler, wie viele andere seiner Zeitgenossen aus Wissenschaft und Philosophie, überzeugt, das Ende des Bildungsbürgertums, das Ende einer – seiner – Epoche mitzuerleben. Wenigstens die Sinnerfüllung durch die deutsche Kultur soll in die nachwilhelminische Zeit hinübergerettet werden, einer Kultur, die als anderen weit überlegen verstanden wird. Der Punkt allerdings, in dem Furtwängler völlig irrt, ist seine Überzeugung, er könne im Totalitarismus Kultur, könne Musik und Politik voneinander trennen.»

Von der Staatsform der Demokratie hielt Furtwängler, der unangefochtene und pedantische Herrscher am Pult, nichts. So war es folgerichtig, dass er auch in der Weimarer Republik sich an sein Axiom hielt: Trennung von Kunst und Politik. «Es ist die politische Funktion der Kunst – gerade in unserer Zeit –, überpolitisch zu sein», äusserte er im Dritten Reich.

Politische Abstinenz

Die Tradition des politischen Abseitsstehens hatte sich in den gut vier kriegslosen Jahrzehnten in künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen Europas verfestigt; sie strebten in apolitischer Haltung bestenfalls eine geistig-kulturelle Gemeinschaft der europäischen Nationen an, sozusagen eine europäische Republik des Geistes (vgl. Stefan Zweigs Erinnerungsbuch «Die Welt von Gestern», 1944). Die politische Abstinenz breiter Schichten der Intellektuellen – nicht nur in Deutschland – erleichterte das Aufkommen radikaler politischer Strömungen.

«Wir Künstler müssen uns aus der Politik heraushalten, selbst wenn die Politiker es uns schwermachen», schreibt Furtwängler im Sommer 1933 an Yehudi Menuhin (welcher zeitlebens die gegenteilige Überzeugung dokumentiert und sich engagiert – und mit Macht und Erfolg – eingemischt hat). Wie die neuen Gewalthaber, die Nationalsozialisten, den deutschen Weltstar für ihre Zwecke einzuspannen wussten, wie rasch sich Furtwängler nach kurzen Erprobungen des Widerstands (Protestbrief an Goebbels 1933 gegen die antisemitischen Massnahmen; Essay «Der Fall Hindemith» 1934) trotz seines weltweiten Prestiges zu Kotaus verleiten, ins Bockshorn jagen, von den Nazis einbinden und mit Titeln (1933: Preussischer Staatsrat, Reichskultursenator, Vizepräsident der Reichskulturkammer – Präsident war Richard Strauss) und Auszeichnungen gewinnen liess, beschreibt Herbert Haffner differenziert und mit nobler Distanz.

In zahlreichen Illusionen gelebt

Deutschlands Kultur war geknechtet und geknebelt, eine Vielzahl bedeutender (vorab jüdischer oder «halbjüdischer») Künstler zum Schweigen gebracht, aus dem Land getrieben oder eingekerkert worden, doch Furtwängler verwarf für sich 1935 endgültig die Emigration: Er sei Deutscher und verlasse sein in Not geratenes Land nicht. Dass ihm dies auch als Sympathie für das Regime vorgeworfen werden konnte, musste er leidvoll erfahren.

Viele hat er finanziell grosszügig unterstützt, für jüdische Musiker und Freunde, deren Leben bedroht war, setzte er sich erfolgreich ein, ebenso für den Weiterbestand seiner Orchester in Berlin und in Wien – diese Kapitel werden nicht unterschlagen. Der Pakt mit Mephisto jedoch musste misslingen. Furtwängler aber, Schachfigur im Spiel von Hitler, Goebbels und Göring, war der unerschütterlichen Überzeugung, sich aller Politik ferngehalten zu haben.

Die Jahre der Naziherrschaft und der Zusammenbruch Deutschlands bringen Furtwängler nicht zur Läuterung – er hielt sich, wie Haffner schreibt, für den Massstab schlechthin und sei auch nach dem Krieg wieder ganz «Prophet der Vergangenheit» gewesen.

Wilhelm Furtwängler, resümiert sein Biograf, war ein Utopist, «der zahlreiche Illusionen lebte: die Illusion, zum grossen Komponisten berufen zu sein, die Illusion, dass die Kunst bessere Menschen mache, die Illusion, dass es ein ,ewiges Deutschtum’ gebe, in dem es möglich sei, eine ,totale künstlerische Existenz’ zu leben, und seine grösste Illusion, nämlich dass Kunst und Politik zu trennen seien.» (ws)

Herbert Haffner: Furtwängler. Mit vierzig Abbildungen, Zeittafel, Diskografie, Quellen und Personenregister. Parthas Verlag, Berlin / arte-Edition 2003. 494 Seiten. € 38,-. Fr. 66.-

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