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«Musik in der deutschen Philosophie»

09.07.2004 — Das Buch ist in Ordnung, nur der Titel ist irreführend. Angemessener wäre «Musik in der deutschen Metaphysik des 19. und 20 Jahrhunderts». So gesehen stellt sich eine doppelte Aufgabe, genauer betrachtet sogar eine dreifache: Zum Ersten muss geklärt werden, ob der Band dem eigentlichen Titel gerecht wird, oder ob er Widersprüche und Unzulänglichkeiten im selber abgesteckten methodischen Rahmen aufweist. Zum zweiten ist zu zeigen, inwiefern er zu kurz greift, wenn er den Anspruch anmeldet, die Musik in der deutschen Philosophie und nicht bloss der deutschen Metaphysik abzuhandeln. Letzteres lässt sich zur Frage erweitern, ob der Durchschnittsleser von einem derartigen Buch nicht gar eine Einführung in die deutsche Musikphilosophie erwartet und weshalb die Textsammlung, für die Stefan Lorenz Sorgner und Oliver Fürbeth mit Sorgfalt als Herausgeber amten, bloss den weitaus bescheideneren Anspruch anmeldet, in der deutschen Philosophie nach Äusserungen zur Musik zu fahnden.

In dem Buch werden von elf Autorinnen und Autoren in einheitlicher Art typische Vertreter der vorwiegend zwischen Theologie und Philosophie oszillierenden Denker der letzten zwei Jahrhunderte vorgestellt. Die Texte folgen allesamt dem gleichen Raster, der Biografie, differenzierte Präsentation der Ideen und Hinweise zur Rezeption auffächert. In chronologischer Reihenfolge sollen Interessierte so an die Systeme von Kant, Schleiermacher, Hegel, Schelling, Schopenhauer, Nietzsche, Bloch, Heidegger, Gadamer und Adorno herangeführt werden.

Der Akzent liegt dabei offenbar mehr auf der Bedeutung der Vorgestellten in der allgemeinen deutschen Philosophiegeschichte, als in der Tatsache, dass sie tatsächlich Gewichtiges zur Philosophie der Musik beigetragen hätten. In bezug auf Schleiermacher muss Gunter Scholtz etwa einräumen, dass dessen Ästhetik nur «unzureichend überliefert ist» und von einer Rezeption der Musikphilosophie eigentlich nicht die Rede sein könne (Seite 52). Sogar in Sachen Nietzsche wird relativiert. Stefan Lorenz Sorgner gibt zu, dass dessen «kultur- und sprachphilosophische Bemerkungen sehr viel wirkungsreicher [waren] als seine musikphilosophischen» (131). In Sachen Bloch bekennt Francesca Vidal, dass dieser bei zeitgenössischen Kritikern «zumeist auf Ablehnung gestossen» sei und auch Tibor Kneif 1965 dessen Sprache als «unpräzise und metaphorisch» kritisiert habe. In Sachen Heidegger werden die Waffen gar vollständig gestreckt. «Der Versuch, so etwas wie einen Begriff von Musik bei Heidegger zu ermitteln, steht vor der elementaren Schwierigkeit, dass sich Heidegger zu diesem Thema so gut wie nicht geäussert hat» (160), bekennt Günther Pöltner. Er räumt denn auch ein, dass die musikwissenschaftliche Rezeption Heideggers äusserst bescheiden ausgefallen ist (170). Man stellt sich also schnell einmal die Frage, weshalb Denker wie Schleiermacher, Bloch und Heidegger in diesen Band Eingang gefunden haben und andere, etwa Wackenroder, Herder oder Forkel bloss in der Einführung und nur ganz am Rande erwähnt werden.

Den Band liest derjenige mit Gewinn, der mit der Gedankenwelt und dem Jargon der deutschen Metaphysiker vertraut ist und nebenbei wissen möchte, was seine Favoriten zur Musik zu sagen haben. Dies gilt insbesondere für die Beiträge zu Hegel, Bloch, Heidegger und Gadamer, die einem Musikinteressierten ohne angemessenes Hintergrundwissen ­ trotz gegenteiliger Beteuerungen in der Einleitung ­ kaum Türen zu den jeweiligen Gedankenwelten aufstossen. Aussagen wie Mozart sei «der Hörendste einer unter den Hörenden gewesen, d.h. west und also noch ist», oder «Das Werk rückt und hält die Erde selbst in das Offene einer Welt. Das Werk lässt die Erde eine Erde sein» (O-Ton Heidegger) können da wohl nur Ratlosigkeit erzeugen. Da hätte man sich gewünscht, von den Autorinnen und Autoren mehr an der Hand genommen zu werden, um in diesem rhetorischen Dschungel die fürs Verständnis so wichtigen Lichtungen zu finden.

Systemimmanent wünschte man sich ab und zu etwas mehr von dem bloss in Ansätzen vorhandenen kritischen Hinschauen, statt des blossen Referierens von Ideen. Nicht nur, wenn die Beliebigkeit auffällt, in der die Denker, je nach persönlichem Gusto, die Hierarchie der Künste umstellen und die Musik mal ganz oben, mal ziemlich unten platzieren –­ eine Willkürlichkeit, die bei Philosophen mit absolutem Anspruch doch eher suspekt scheint. So suggeriert Herbert Schnädelbach mit dem Hegel-Zitat «Wenn es richtig ist, dass der Mensch durchs Denken sich vom Tiere unterscheidet, so ist alles Menschliche dadurch und allein dadurch menschlich, dass es durch das Denken bewirkt wird» Tiefgang, wo der Logiker beim besten Willen bloss den analytischen Satz «Das Denken charakterisiert das Menschliche, weil das Denken das Menschliche charakterisiert» herauszulesen vermag. Und wenn Beate Regina Suchla Gadamers Behauptung, in der seriellen Musik werde dem Interpreten die Reihenfolge der Darbietung überlassen, unkommentiert stehen lässt, so kann man das nur mit allzu grossem und falschem Respekt vor der vermeintlichen Autorität des Porträtierten erklären. Überaus spannend wirds dafür, wenn Günter Zöller aufgrund von Anstreichungen in den Privatexemplaren Arnold Schönbergs aufzeigt, wie der Erfinder der Zwölftonmethode Schopenhauer gelesen hat. Allein dafür lohnt sich der Erwerb der «Einführung».

Als Geschichte der Musikrezeption in der deutschen Metaphysik hat der Band trotz dieser Bedenken eine gewisse Logik; abgeschlossen wird er denn auch konsequent ­ mit der Erörterung von Adornos negativer Dialektik, die wie ein Schlusspunkt der Ideengeschichte zur «negativen Metaphysik» (203) wird. Über die gedankliche Linie hinaus gehts aber auf Glatteis. So nehmen Sorgner und Fürbeth in der Einleitung die oft kolportierte Meinung auf, das deutsche Denken charakterisiere sich durch seinen Holismus (1), der auch die Erkenntnistheorie beeinflusse. Es fragt sich, ob das auch stimmt, oder ob die Herausgeber da nicht einfach in der Tradition des Deutschen Idealismus‘ zum Opfer einer verbreiteten selektiven Wahrnehmung werden. In dieser Hinsicht muss man dem Band absprechen, das im Titel gesetzte Thema umfassend abzuhandeln. Es ist nämlich nicht einzusehen, weshalb man nicht auch in den Schriften von Fechner («Vorschule der Ästhetik»), Wittgenstein, Carnap, Popper und vielen andern, die eher einen Bottom-Up-Approach pflegten, oder in den Werken Schelers, Husserls und Bubers – um nur einige zu nennen – nach vereinzelten Aussagen zur Musik suchen sollte. Eine ganze, überaus mächtige Strömung empiristisch orientierter Denker und Forscher von Gustav Theodor Fechner über Hermann von Helmholtz, Carl Stumpf bis zu Wolfgang Köhler, die fundamentale Beiträge zur musikalischen Erkenntnistheorie abgeliefert haben, bleibt aussen vor. Dies lässt sich mit akrobatischer Auslegung von Begriffen wie Philosophie und Erkenntnistheorie zur Not rechtfertigen. Dass aber sogar Strömungen wie die Informationstheorie Max Benses unterschlagen werden, ist beim Anspruch des Bandes eigentlich unverzeihlich.

Man muss aber noch einen Schritt weiter gehen: Wenn man zugesteht, dass der Titel «Musik in der deutschen Philosophie» mit Bedacht gewählt worden ist, dann kann man dem Buch zwar nicht den Vorwurf machen, dass es keinerlei Versuche unternimmt, eine «Deutsche Musikphilosophie» nachzuzeichnen. Es ist damit aber sicher auch eine Chance verpasst worden, denn im hiesigen Schifttum zur Musik finden sich überaus interessante Pionierarbeiten zur modernen Musikästhetik und ­-philosophie. Sie stammen allerdings eher von Musikhistorikern und ­-wissenschaftlern als von Autoren, die gemeinhin als Philosophen klassifiziert werden. So wird etwa notorisch unterschätzt, was Eduard Hanslick mit seiner subtilen Kritik am Sprachgebrauch in der Schrift «Vom Musikalisch-Schönen» zu einer Sprachphilosophie der Musik beigetragen hat. Auch Hugo Riemanns Gedanken zur musikalischen Logik und Syntax muten noch heute überaus modern an. Weitere Musikologen ­ etwa Ernst Kurth oder Heinrich Schenker ­ haben zu einer Philosophie der Musik vermutlich ungleich mehr beigetragen als ein Schleiermacher oder Heidegger. Letzterer hat vor allem in den USA grossen Einfluss auf moderne Grammatiktheorien der Musik ausgeübt. (pb)

Stefan Lorenz Sorgner, Oliver Fürbeth (Hsg): Musik in der deutschen Philosophie, Metzler Musik, Stuttgart 2003, 222 Seiten

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