26.07.2004 — Die einen verehren ihn, andere meiden ihn, viele finden keinen Zugang zum Schaffen des 1931 in Buenos Aires geborenen, 1957 nach Deutschland übersiedelten Mauricio Kagel. Meint er es ernst mit seinen Schöpfungen, macht er sich lustig, will er lediglich provozieren? (Als Bürgerschreck etablierte er sich in weiten Kreisen mit der Film-Komposition «Ludwig van. Ein Bericht», 1969.) Verbreitet jedenfalls ist die Verunsicherung im Umgang mit Kagels Schaffen, trotz massgebender Interpretationen, trotz erhellender Texte des Komponisten und der Schar seiner Exegeten.
Das jüngste Heft in der Reihe Musik-Konzepte (Nr. 124), versammelt ein halbes Dutzend Aufsätze, in denen die Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln und anhand diverser Werke die Verbindung von Text und Musik bei Kagel beleuchten. Die Beiträge dieses Bandes behandeln, wie Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort zusammenfasst, Kagels Musik, «indem sie die Transformation von Prätexten – gleich welchen Ursprungs – zu Texten als einen für Mauricio Kagel typischen Kompositionsprozess analysieren und interpretieren, als eine ästhetische Eigenheit und Besonderheit, die für das kompositorische Werk Kagels charakteristisch ist».
«Ich baue aus eindeutig formulierten Details vieldeutige Stücke auf», schreibt Kagel zu «Sur scène» (1960). Mit diesem kammermusikalischen Theaterstück für Sprecher, Darsteller, Sänger und drei Instrumentalisten eröffnete er die Reihe von Schöpfungen des Instrumentalen Theaters, in denen er die Grenzen zwischen den traditionellen Gattungen sprengt, Verfremdungen, Assoziationen, Subtexte und neue Perspektiven gewinnt.
Matthias Kassel, Kurator der Sammlung Kagel in der Paul-Sacher-Stiftung Basel, analysiert in seinem Beitrag das Werk «Anagrama» (1958) und die ausgeklügelte Art, in der Kagel einen literarischen Text in einen musikalischen transformiert. Analysen zu Kagels Kompositionsprozess im Instrumentalen Theater (Dekomposition von Prätexten zur Komposition von Texten) legt Matthias Rebstock, Regisseur und Lehrbeauftragter an der Universität der Künste Berlin, vor. Soziologischen und gesellschaftskritischen Dimensionen in Kagels Schaffen der Siebzigerjahre (z. B. «Kantrimiusik», «Exotica», «Mare Nostrum») geht Peter Andraschke, Professor für Musikgeschichte in Gießen, nach; in den Mittelpunkt stellt er dabei Werke, in denen sich Kagel mit Folklore und aussereuropäischer Musik befasst.
Helga de la Motte-Haber, Professorin für Systematische Musikwissenschaft an der TU Berlin, macht sich in ihrem Beitrag Gedanken zu den Gattungstraditionen, zur Dialektik von Innovation und Tradition in Kagels Œuvre. Rezeptionsästhetischen Bedingungen widmet sich in seinem Essay «Imaginäre und imaginierte Musik im Werk von Mauricio Kagel» der in Sussex lehrende Musik- und Literaturwissenschafter Björn Heile. Den Band, der eine Fülle von Materialien und Denkanstössen zur Transtextualität, zur Ästhetik, zu Sinn und Hintersinn von Kagels Schaffen vermittelt, beschliesst der «Versuch über Kagels Art schließlich zu enden» des deutschen Musikpädagogen und Musikwissenschafters Wieland Reich. (ws)
Musik-Konzepte, Bd.124 : Mauricio Kagel Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 111 Seiten. € 14,-. Fr. 25.30.