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Michael Heinemanns Musikgeschichte

01.10.2004 — Im Kleinformat kommt sie daher, Michael Heinemanns Kleine Geschichte der Musik. Das äusserlich bescheiden anmutende Bändchen aber hats in sich. Denn so klein, wie der Titel suggeriert, ist der Inhalt nicht. Und wer die traditionelle Art der Geschichtsschreibung erwartet, welche die Stationen von der Antike bis in die Gegenwart chronologisch abklappert, wird durch die Lektüre eines anderen belehrt.

Michael Heinemann, Jahrgang 1959, Professor für Musikwissenschaft an der Dresdner Hochschule für Musik, ausgebildet auch in Kirchenmusik und Instrumentalpädagogik, Philosophie und Kunstgeschichte, gliedert den Stoff in 25 Essays, geordnet in historischer Abfolge, inhaltlich aber konzentriert auf je einen zentralen Begriff. Nicht verunmöglicht wird so die Lektüre der einzelnen Teile in beliebiger Reihenfolge.

Die Klammer bilden die Kapitel Weltmusik I (Untertitel: Antike Mythen der Musik) und Weltmusik II (Perspektiven multikultureller Offenheit). Dazwischen finden sich Essays zu Themen wie Notation (Musikalische Zeichensysteme im Mittelalter), Neuheit (Renaissance und Geschichtsbewusstsein), Affekt (Rationalismus und Leidenschaft), Originalität (Genie, Stil und Gedanke), Kommerz (Kunst und Vermarktung), Nation (Kollektive Identität qua Musik), Macht (Musik auf Befehl), Klang (Sound und Struktur). Jeder Abhandlung ist eine Abbildung beigegeben, die einen im Text zentralen Gedanken illustriert.

Musikgeschichte ist in Heinemanns Darstellung immer auch Sozialgeschichte, Musikentwicklung ist an die jeweiligen historischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Bedingungen gekoppelt. Das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft, zwischen Künstler (Komponist, Interpret) und Öffentlichkeit wird mannigfaltig reflektiert, so unter Aspekten wie etwa künstlerische Individualität, Kompositionstechnik, Produktionsbedingungen, Rezeptionsmuster, Veränderung des musikalischen Idioms in veränderten Kontexten und Zeiten, Gesetze des Marktes und der Politik, Rezeption durch das Publikum, Wandel der musikalischen Gattungen und der Ästhetik. Nicht unbeachtet lässt Heinemann dabei auch folgenreiche Entwicklungen in anderen Künsten und in der Technologie, der Psychologie, der Theologie.

Die weit gespannte und an Teilaspekten reiche, doch konzentrierte Darstellung der Musikgeschichte von der griechischen Antike bis in die Gegenwart nimmt ein durch originelle Fokussierung, anregende Diskussion und kritische Offenheit, durch plastische Schilderung übergreifender Zusammenhänge und scharfsinnige Analyse: Eine grosse Kleine Geschichte der Musik. (ws)

Michael Heinemann: Kleine Geschichte der Musik. Mit 25 Abbildungen. Universal-Bibliothek Bd. 18312. Reclam Verlag, Stuttgart 2004. 357 Seiten. € 8,80. Fr. 16.30.

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