08.10.2004 — Die «Methode, Sonaten aus’m Ermel zu schüddeln» stammt von Johann Philipp Kirnberger, der «Ragtime (wohltemperiert)» von Hindemith, «Präludium und Ameisen-Fuge, mit einem Krebs-Kanon» von Per Nørgård und «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte» von Arvo Pärt. Diesen und haufenweise weiteren Kompositionen (deren Auflistung füllt 39 Buchseiten) ist gemeinsam, dass sie Bach-Zitate enthalten oder sonstige Bezüge zur Person und zum Schaffen Johann Sebastian Bachs aufweisen. In immenser Kleinarbeit zusammengetragen und wohlgeordnet hat all dies Klaus Schneider in seinem Lexikon «Musik über Musik».
Den Terminus «Musik über Musik» definiert Schneider «als Sammelbezeichnung für alle Komponisten, die eine ausdrückliche, greifbare Beziehung zu einer bereits vorhandenen Musik oder deren Urheber aufweisen». Der immense Stoff – 8600 Instrumentalwerke von 2900 Komponisten vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart – ist in vier Kapitel gegliedert.
In alphabetischer Reihenfolge von Abel bis Zipoli bringt der umfangreichste 1. Teil rund 820 Komponisten und Interpreten, die mit ihrem Werk und ihrer Persönlichkeit Spuren in der Musik anderer hinterlassen haben: Musik über einzelne Komponisten und ihre Werke, Variationen «über ein Thema von …», Musiker-Hommagen und spezielle Bearbeitungen. Die Einträge etwa zu Mozart beanspruchen 18 Seiten, zu Schubert 11, Beethoven 9, Schumann 7, zu Händel und Wagner 6, Haydn und Rossini je 5½. Der Stoff in umfangreicheren Auflistungen ist zusätzlich systematisch unterteilt.
Anonyme traditionelle Melodien (Volkslieder, Choräle), die besonders häufig oder von namhaften Komponisten instrumental bearbeitet wurden, finden sich im 2. Teil. Beispiele: Ah, vous dirai-je, Maman, Dies irae, Folies d’Espagne, L’homme armé, O du lieber Augustin, Yankee doodle.
Der 3. Teil enthält eine Liste zyklischer Werke nach dem Motto «Variationen im Stil verschiedener Meister» (entsprechende Einzelwerke sind unter dem Namen des imitierten Komponisten im 1. Kapitel nachgewiesen).
Mit «Musik über das Musizieren» ist der 4. Teil betitelt. Die hier aufgeführten, nicht an bestimmte Komponisten gebundenen Werke beziehen sich auf das Musizieren und Konzertieren im Allgemeinen (Musiker, Musikaufführung, Konzert, Orchester) sowie auf einzelne Instrumente (auch mechanische, aussereuropäische und in der Volksmusik gebräuchliche), deren Klangcharakter mit anderen Instrumenten nachgeahmt wird.
Verzeichnisse der Abkürzungen, der Verlage und Editionsreihen (mit wenigen Ausnahmen liegen alle aufgeführten Werke gedruckt vor), sowie ein Register der Komponisten und Bearbeiter beschliessen den Band.
Klaus Schneider (mit seinem zweibändigen «Lexikon Programmusik» wies er sich bereits aus als exzellenter und hilfreicher Kenner von Stoffen und Motiven, von Figuren und Personen) legt allerdings nicht einfach Namen und Titel und Satzbezeichnungen vor, sondern er fügt, wo sinnvoll, Erläuterungen des Komponisten, des Verlags oder Zeugnisse zu Herkunft, Entstehung und Inhalt an. Diese Kommentare helfen mit, sein Lexikon zu einer anregenden Fundgrube, zu einem an Entdeckungen und Überraschungen reichen, oft überaus heiteren Lesevergnügen zu machen.
Apropos Entdeckungen. Wussten Sie, wem die Welt «Happy birthday to you» verdankt? Mildred J. Hill (1859–1916) publizierte das Liedchen ursprünglich mit dem Text «Good morning to all» in ihrer Sammlung «Song Stories for the Kindergarten». (ws)
Klaus Schneider: Lexikon «Musik über Musik». Variationen, Transkriptionen, Hommagen, Stilimitationen, B-A-C-H. Bärenreiter Verlag, Kassel 2004. 421 Seiten. € 39,95. Fr. 71.90.