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Musik-Konzepte: Der späte Hindemith

29.10.2004 — Einst – zwischen 1920 und bis in die Sechzigerjahre – gehörte er zu den international beachteten und (ausser im Dritten Reich, wo er zu den Verfemten gehörte) regelmässig aufgeführten Komponisten. Nach seinem Tod 1963 wurde es still um Paul Hindemith – Interpreten und Konzertveranstalter erinnern sich selten mehr an den ebenso produktiven wie vielseitigen Musiker und Theoretiker.

Band 125/126 der Musik-Konzepte ist dem späten Hindemith gewidmet, jenem nach 1945. In elf Beiträgen regt es zu einer kritischen, vertieften und vorurteilslosen Auseinandersetzung mit seinem wenig bekannten Spätwerk an, das sich durch grosse Vielfalt auszeichnet. Es entstanden Madrigale, Motetten und eine A-cappella-Messe, Orchesterwerke und ein Orgelkonzert, Kammermusik, die Oper «Die Harmonie der Welt» und die Neufassung der Oper «Neues vom Tage».

Die Autoren des facettenreichen Bandes beleuchten wichtige Aspekte der Biografie und des Schaffens, gehen der inneren ästhetischen Einheit des Spätwerks nach und berücksichtigen auch Hindemiths akademische Lehrtätigkeit, sein Wirken als Dirigent und seinen pessimistischen Protest gegen die Neue Musik.

Biografisches aus Hindemiths Briefwechsel hat Giselher Schubert dokumentarisch zusammengestellt («Hindemith und Deutschland nach 1945»). Die Ästhetik Hindemiths untersuchen Ulrich Tadday («Komponist in seiner Welt») und Martin Geck («Das Höchste erreicht? Hindemith im Spiegel seiner Hamburger Bach-Rede», 1950). Wolfgang Lessing reflektiert die polemische Kritik Theodor W. Adornos an Ästhetik und Musik Hindemiths («Geständnisse eines Kleinbürgers? Das Werk Paul Hindemiths im Lichte ,höherer Kritik‘»). Hindemiths Tätigkeit von 1951 bis 1957 als Professor für Musiktheorie, Komposition und Musikpädagogik an der Universität Zürich arbeitet Laurenz Lütteken auf («In ,der ständigen Mischung von Kunst und Wissenschaft‘»), und Susanne Schaal-Gotthardt gibt einen Rückblick auf die Tätigkeit des Dirigenten Hindemith und sein Verständnis der Funktion des Interpreten («I am a musician. Der Komponist als Dirigent»).

Im zweiten Teil des Bandes stehen ausgewählte Werke im Mittelpunkt der Analyse. Mit Hindemiths späten Vokalwerken befasst sich Frank Heidlberger («Von der Utopie des musikalischen Ethos»), mit der Sinfonie «Die Harmonie der Welt» Michael Heinemann («Ad fontes»), mit der Sonate für Basstuba und Klavier (1955) Andreas Traub; Heinz-Jürgen Winkler vergleicht die beiden Fassungen der Oper «Neues vom Tage» («Mir scheint es heute aktueller als je zu sein»). Die durch Giselher Schubert eingeleitete Erstpublikation des Librettos des 4. Aufzugs der Oper «Die Harmonie der Welt» von 1955/56, welches von der endgültigen Fassung von 1957 inhaltlich abweicht, die Abstracts, bibliografische Hinweise und eine Zeittafel beschliessen den Band. (ws)

Musik-Konzepte, Band 125/126: Der späte Hindemith. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 192 Seiten. € 21,-. Fr. 36.90.

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