12.11.2004 — Es treten auf: Berufsleute – Förster, Küsterin, Il Grande Inquisitore, Kaiser und Kaiserin, Landgraf und Narr, Postillon und Zar und Figaro, doch in welchen Opern? Und was tun sie dort?
Es treten auf: mythologische Gestalten – Dido und Achilles, Ariadne und Orest, Odysseus und Galatea, Iphigenie und Aeneas, oder wer mit wem und weshalb?
Es treten auf: eine chinesische Tasse, ein stummer Mann, die 337-jährige Sängerin Emilia Marty, der Ich, Konzilskollegen von Trient, Karmeliterinnen und ein Engel – aber wo, mit welcher Absicht, welchem Geschick?
Kundiger Rat ist nahe: Die Musikwissenschafterin Silke Leopold und der Musikschriftsteller Robert Maschka legen ihr «Who’s who in der Oper» in dritter Auflage als erweiterte Neuausgabe vor. Bereichert haben sie den Grundstock an Figuren aus der 400-jährigen Geschichte des Musiktheaters mit 61 weiteren Steckbriefen und zusätzlichen Doppelporträts und Gruppenbildern. Hauptakzente legte das Autorenduo dabei auf den Barock, auf Werke des 19. und des 20. Jahrhunderts, auf das slawische Repertoire und die französische Oper. – Das Verzeichnis der Komponisten, ihrer Opern und Opernfiguren (mit Angabe der Stimmlage) und das Figurenregister erschliessen den Band.
Welche Geschichten, Triumphe und Katastrophen verbergen sich doch hinter den Eigennamen von Abigail bis Zerlina aus Opern von Monteverdi bis Adriana Hölszky und Kaija Saariaho! Die Porträts schildern nicht nur das Verhalten und Handeln einer Figur in einem bestimmten Werk, sie leuchten auch in die Vergangenheit, in die Geschichte, erklären das Vorleben der Operngestalten in der Mythologie, der Religion, der Historie, der Literatur (in Märchen, Sage, Schauspiel), verfolgen die Spuren der in mehreren Opern auftauchenden gleichen Personen, werfen hier und dort auch einen Blick auf das Nachleben, die Wirkungsgeschichte einer Hauptfigur.
Das Buch sei «weder ein Opernführer, noch eine Operngeschichte», halten die Autoren in der Einleitung fest. Doch im Zusammenspiel und Ineinandergreifen der Figurenporträts aus ein und demselben Werk formt sich in den meisten Fällen plastisch die Handlung. Und ein Stück Operngeschichte wird lebendig durch die Schilderungen, wie sich im Lauf der Epochen die Auffassung von Wesen und Interpretation der Heroinen und Helden gewandelt und in neuen Formen der Dramaturgie konkretisiert hat.
Durch den kontrastvollen Figurenkosmos führen Silke Leopold und Robert Maschka mit reichem Wissen und geschliffener Feder. Witz, Humor, auch mal augenzwinkernde Ironie eignet ihren psychologisch vertieften Porträts; die Lektüre wird für Musiktheaterfans wie für Opernnovizen zum gewinnenden Vergnügen. (ws)
Silke Leopold / Robert Maschka: Who’s who in der Oper. Erweiterte Neuausgabe. Bärenreiter / Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004. dtv 34126. 479 Seiten. € 14,50. Fr. 25.20.