27.12.2004 — Was hat es mit Amalek, Belial, Gilead, Joab und Zeboim auf sich? Was bedeuten Adler und Löwe, Schlange und Taube, Isop und Ophir, Schilo und Salem? Sie kommen vor in Kantaten-, Motetten-, Oratorien- und Passionentexten, welche Johann Sebastian Bach vertonte. Doch auch vertraute Wörter wie Angst, Arm, Bahn, Blitz, brennen, Dornen, Glaube, Gnade, Herz, Seele, Stab, suchen, Welt lassen sich in ihren oft mehrfachen Bedeutungen heute nicht mehr einfach entschlüsseln: Dieweil Bachs Zeitgenossen mit der blumigen Sprache in Gottesdienst und Predigt auf vertrautem Fusse standen, bieten uns die anspielungsreichen barocken Sprachbilder Widerstände im Verstehen und adäquaten Interpretieren des Textes wie der ihn auslegenden Musik.
Mit ihrem Bach-Textlexikon hat die österreichische Musikwissenschaftlerin, Germanistin und Volkskundlerin Lucia Haselböck ein hilfreiches, gründliches und anregendes Nachschlagewerk geschaffen, das in über 300 Stichworten von Abba bis Zorn Gottes Begriffe und Bilder des bachschen Sprachlabyrinths und der barocken Poesie erschliesst. Denn selbstredend gilt das Erläuterte für alle geistlichen (und viele weltliche) Texte des ausgehenden 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, da dessen Kenntnis Allgemeingut jener Zeit war.
Im einführenden Kapitel widmet sich die Autorin den Quellen der geistlichen Barockdichtung (Bernhard von Clairvaux, Martin Luther), der geistlichen Lyrik des Barocks im Spannungsfeld der Theologie ihrer Zeit (Reformorthodoxie, Pietismus, Compassio-Verständnis), dem Einfluss der Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert, der barocken Bildersprache und Bachs Textverständnis. Eine marginale Rolle spielt dabei die Autorenfrage, da zwei Drittel der Textdichter von Bachs Kantaten ohnehin unbekannt sind.
Das durch fast sechzig zeitgenössische emblematische Kupferstiche sinnvoll illustrierte Lexikon überrascht durch fundierte, facettenreiche und mit Querverweisen verbundene Auslegung und Kommentierung von Herkunft und Bedeutungen der Ausdrücke, verwandten Motive, Allegorien, Tropen, Metaphern und Symbole im Zusammenhang mit den entsprechenden Textstellen aus Bachs Werken. Dabei weitet die Autorin den Blick über die Bibel und die christliche Theologie hinaus auf die geistliche Lyrik, auf die Quellen in Mythologie, im Orient und im jüdischen Glauben.
Im Anhang finden sich eine Liste von Wörtern in Alt- und Neuform, ein ausführliches Literaturverzeichnis und das alphabetische Register der geistlichen Vokalwerke Bachs mit Verfassern, Bibelquellen und den vorkommenden Begriffen. (ws)
Lucia Haselböck: Bach-Textlexikon . Ein Wörterbuch der religiösen Sprachbilder im Vokalwerk von Johann Sebastian Bach. Mit 57 Illustrationen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2004. 225 Seiten. € 19,95. Fr. 35.90.