Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Das deutsche Lied der Spätromantik

21.01.2005 — Eine grundlegende These dieses Buches: Das Fin de siècle ist nicht gleichzusetzen mit der Geburt der Moderne, vielmehr stellt es das Ende einer Ära dar. Edward F. Kravitt, Professor für Musik am Lehman College der City University of New York, geht dabei mit der Auffassung jüngerer Historiker einig, welche die Meinung vertreten, dass die Zeit der Moderne in Wissenschaft, Kultur, Technik und Politik erst nach dem Sturz des feudalherrschaftlichen Systems und als Folge des Ersten Weltkriegs eingetreten sei; der Weltkrieg habe die Vorherrschaft der alten Tradition beendet. Im spätromantischen Lied deutscher und österreichischer Komponisten komme die Zerstörung dieser Tradition zum Ausdruck. Deshalb liefere das deutsche Lied der Spätromantik (Kravitt setzt dafür den Zeitraum zwischen 1888 – Hugo Wolfs Mörike-Liederzyklus – und 1910/1920) einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Musik- und Kulturgeschichte des Fin de siècle.

Die Komponisten, schreibt Kravitt, wandten sich dem Lied auch zu, um radikale Experimente durchzuführen. «Diese Neuerer des Fin de siècle strebten ein zweifaches ästhetisches Ziel an. Man könnte es ,dialektische Ästhetik‘ nennen: die Musik in die Moderne einzuführen bei gleichzeitiger Bewahrung der ererbten Tradition.»

Lieder von über fünfzig Komponisten, darunter schwergewichtig Wolf, Mahler, Pfitzner, Reger, Richard Strauss und Schönberg, analysiert Kravitt unter verschiedenen Aspekten – seien es stilistische, ästhetische, strukturelle, formale, klaviersatztechnische, literarische – detailreich und in der Regel anhand von Notenbeispielen, bettet sie ein in grössere Zusammenhänge und Entwicklungen (Pangermanismus, Antisemitismus-Problem), leuchtet Einflüsse, Theorien, Hintergründe und auch Parallelen zu anderen Künsten aus (Romantik, Naturalismus, Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil, Expressionismus).

Besonderen Informationsreichtum (er schlägt sich auch in der Fülle der Anmerkungen nieder) gewinnt die fundierte Auseinandersetzung mit dem spätromantischen Lied, indem der Autor die Praxis nicht ausklammert – ganz im Gegenteil öffnet er, Sohn eines einst international tätigen Opernsängers, spannende Einblicke in die Begründung des deutschen Gesangsstils, in die Stimmtechnik, in die damaligen Prinzipien der Lied-Interpretation, wie sie den Komponisten vorschwebten und von bedeutenden Interpreten verwirklicht wurden, in die Verbindung mit der Bühnendeklamation samt Seitenblicken auf berühmte Aktricen und Schauspieler, in den Konzertbetrieb (wie das Lied vom Privathaus in den Konzertsaal kam, Musikschulen, Konzertreformbewegung).

Edward F. Kravitts Panorama europäischer – primär deutscher und österreichischer – Kultur des Fin de siècle im Spiegel verschiedener Liedtypen (Kunstlied, Ballade, Gesänge, Volkslied, Kinderlied, Melodram) ist nicht zuletzt von Interesse, weil der Verfasser die Briefe und die Aussagen persönlich kontaktierter Komponisten und Interpreten zitiert sowie viele Quellen und Forschungsergebnisse von Musikwissenschaftlern und Historikern aus England und den USA einbezieht. Die amerikanische Originalausgabe erschien 1996 und wurde vom Autor für die deutsche Übersetzung durchgesehen und aktualisiert.

«Im Lied», resümiert Kravitt, «treten die vorherrschenden musikalischen Strömungen hervor, ja sogar die gesellschaftlichen Bestrebungen, die alle Deutschen zum Fin de siècle verbanden. Es überrascht daher kaum, dass so viele Themen, Stile und Stimmungen – selbst unsere Vorstellungen von diesem Zeitalter – sich im Lied des Fin de siècle ideal spiegeln.» (ws)

Edward F. Kravitt: Das Lied. Spiegel der Spätromantik. Aus dem Amerikanischen von Thomas Emmerig. 390 Seiten, mit Abbildungen, zahlreichen Notenbeispielen, Glossar, Auswahlbibliografie, Register. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2004. € 49.80. Fr. 85.-.

Schreibe einen Kommentar