29.03.2005 — Früher gehörten der Kopist und der Notenstecher zum festen Inventar des Musiklebens – kein Ensemble kam ohne die hilfreichen Geister im Hintergrund aus, die Tag für Tag Noten abschrieben, Stimmauszüge erstellten – und Bücher wie Heussenstamms «Norton Manual of Music Noation» waren fester Bestandteil des Pflichtstoffs angehender Komponisten und Arrangeure. Die Berufsgattung praktisch obsolet gemacht haben moderne Notensatzprogramme und Sequenzer. Mit ihnen ist aber auch eine ganze Kultur der personalisierten Notenschrift und der intensiven Beschäftigung mit ihren Gesetzen verloren gegangen. Viele Musiker bekunden heute Mühe, wenn sie aus Handschriften lesen müssen, aber auch das Verhältnis zum gedruckten Notenbild ist weniger emotional geworden.
Da fällt eine Diplomarbeit der Fachhochschule Pforzheim aus dem Rahmen, die sich auf sensible Art mit dem Verhältnis zwischen Typografie und durch die Musik transportierter Stimmung auseinandersetzt und den Versuch wagt, beide mit individualisierten Schriftbildern in Einklang zu bringen. Die Arbeit ist das Werk von Stephanie Türck. Als Glücksfall kann dabei bezeichnet werden, dass die Typografin und Grafikerin den Zugang zu denen suchte, für welche die Auseinandersetzung mit der Notenschrift ein Teil des täglichen Ringens um Ausdruck ausmacht: zu den Komponistinnen und Komponisten.
Türck definierte zunächst ein sogenanntes «Polaritätsprofil», anhand dessen die Charakeristiken der Werke mit Hilfe von polaren Begriffen wie «modern – traditionell», «bewegt – statisch» oder «elegant – plump» differenziert charakterisiert werden können. Statistische Daten von Befragungen musikalischer Laien und Experten ergaben daraus eine Art Signatur der ästhetischen und emotionalen Wirkung der Musik. Derartige Profile erstellte Türck für sechs Werke von Suttgarter Tonschöpfern: zu «Blumen und Blut» für Cello solo von Susanne Erding-Swiridoff, «Objekt I (Steinmandl)» für Gitarre und Klavier von Julia Deppert, «Extra» für Bassflöte solo von Antje Langkafel (siehe Cover-Bild), «Ostinato» für Cembalo von Jon Laukvik, «HE» für acht Stimmen von John Palmer und «Echos» für drei Spieler und Dirigenten von Georg Wötzer.
Die resultierenden individuellen Notenschriften, die den Anspruch erheben, dem Charakter der Werke auch typografisch Ausdruck zu verleihen, wirken gelungen und anregend, und das teils ungewohnte Schriftbild reduziert die praktische Lesbarkeit keinswegs, wie ein praktischer Versuch des Rezensenten ergab – nicht zuletzt, weil Türck einige Inkonsequenzen des Schriftbildes, die Musiker verinnerlicht haben – etwa die Nicht-Übereinstimmung von Notengruppierungen und melodischen Zusammenhängen – unangetastet lässt. Mag sein, dass nicht alle Umsetzungsversuche gleich reüssieren: So scheint etwa die Schrift zum «Ostinato» für Cembalo, das eher erdige Blues- und Jazzelemente anklingen lässt, etwas gar verspielt-poetisch. So oder so darf man aber dem Projekt zugestehen, dass es den eigenen Anspruch rundum erfüllt.
Kritische Einwände zur Idee bringt Stephanie Türck im Nachwort ihrer wohltuend knapp und klar gehaltenen Arbeit gleich selber vor. Mit Recht weist sie darauf hin, dass die Methode ihre Grenzen dort erreicht, wo innerhalb eines musikalischen Werkes Stimmungsschwankungen zu verzeichnen sind, denn mit dem gewählten Schriftansatz lässt sich nur eine Grundstimmung zum Ausdruck bringen. Zudem besteht die Gefahr, dass Musiker in ihrer eigenen Interpretationsfreiheit eingeschränkt werden können. Allerdings lässt sich hier sogleich dagegenhalten, denn das übliche, barock-altertümlich anmutende 08/15-Schriftbild vieler gedruckten Partituren wirkt selber alles andere als inspirierend. Da mag eine überlegte Präsentation, die als Provokation wirken kann, die musikalische Eingebung doch um einiges mehr beflügeln. (wb)
Stephanie Türck: Notationstypografie – Sinfonie von Klang und Form, Diplomarbeit der Fachhochschule für Gestaltung Pforzheim, zu beziehen via Internet unter www.notationstypografie.de.