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Wagners politisch-ästhetisches Konzept

15.04.2005 — «Bevor Revolutionen ausbrechen, bemächtigt sich in aller Regel die Kunst dieses Themas. Künstler sind Seismographen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, und Künstler, die in ihrem Fühlen und Denken radikalisiert sind, suchen sich entsprechende Inhalte für ihre Arbeit.»

Udo Bermbach untermauert seine Feststellung mit Analysen der Libretti von Richard Wagners frühen Opern «Die Feen» (Kritik des Adels und der Institution Ehe), «Das Liebesverbot» (Gegensatz von Liebe und Macht; Ideal der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und «Rienzi, der letzte der Tribunen» (die Revolution, ihr Erfolg und ihr Scheitern).

«,Rienzi‘ ist Wagners bis dahin [1840] politisch radikalstes Werk», schreibt Bermbach, «in ihm wird die Revolution als Alternative zur konventionell betriebenen Politik thematisch, und zugleich gewinnt die revolutionäre Perspektive für Wagner eine solche Bedeutung, dass sie auch in den späteren Werken stets noch mit präsent bleibt. (…) Erst nach dem Scheitern des Dresdner Aufstandes von 1848/49 und nach seinem eigenen Scheitern als politischer Revolutionär weitet sich die Perspektive: nun wird die Kunst zum eigentlich revolutionären Medium der Veränderung.»

In seinem 1994 erstmals vorgelegten Buch «Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie» untersucht Udo Bermbach, Professor für politische Wissenschaft an der Universität Hamburg und Autor diverser Publikationen zur Geschichte der Oper und zu Wagner, das zentrale Thema des Musikdramatikers, das Verhältnis von Politik und Kunst. Nun liegt der lang vergriffene Band neu auf, überarbeitet und ergänzt.

Die zündenden Ereignisse (Juli-Revolution von 1830 in Frankreich, Revolutionen von 1848/49), die Einflüsse der Schriften gesellschaftspolitischer Theoretiker und der persönliche Umgang mit sozialrevolutionären Geistern formten Wagners Denken – Bermbach geht detailliert auf diese Faktoren ein – und schlugen sich nieder in den im Schweizer Exil verfassten drei zentralen ästhetischen Zürcher Kunstschriften («Die Kunst und die Revolution», 1849; «Das Kunstwerk der Zukunft», 1849; «Oper und Drama», 1851). In der gleichen Zeit übrigens entsteht auch der antisemitische Aufsatz «Das Judenthum in der Musik» (1850).

Eines der grossen Lebensthemen Wagners, die Aufhebung der Politik in Kunst und die künstlerische Gestaltung der Politik, hat sich in seinen Musikdramen, aber auch in umfangreichen literarischen Selbstkommentaren niedergeschlagen. Bermbach zieht alle relevanten Dokumente heran, ordnet sie dem Fluss der persönlichen wie der politischen und sozialen Entwicklungen von Wagners Epoche ein, interpretiert die politisch-ästhetische Konzeption und Wagners Kunstideal systematisch, faktenreich, gründlich und stilistisch gediegen. Im Epilog kommt Bermbach auch darauf zu sprechen, wie die Ambivalenzen von Wagners Kulturverständnis und Kunstkonzeption von kulturkonservativen bis völkischen Exponenten zu eigenen Zwecken eingespannt wurden.

Udo Bermbachs Standardwerk hat durch die Erweiterungen mit Kapiteln zu Wagners Schopenhauer-Rezeption, seiner Haltung zum Christentum, seinem Antisemitismus und zu seiner paradoxen Hinwendung zu konservativ völkischen Positionen wichtige Einsichten und Erkenntnisse dazugewonnen. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Wagners Weltsicht und Werk intensiv befassen. (ws)

Udo Bermbach: Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2004. 396 Seiten. € 34,95. Fr. 56.-.

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