02.05.2005 — Am Beginn stand die Idee, das Jahrhundert des Jazz in seinen grossen Persönlichkeiten, den Pionieren im Neuland, den Musikern von stilbildender Qualität nachzuzeichnen. Reich an biografischen, musikalischen, historischen Materialien, an Analysen, an Ein- und Seitenblicken ist die zweibändige Reclam-Publikation «Jazz-Klassiker» – eine spannende erkenntnisreiche Lektüre gerade auch für Jazz-Laien und für jugendliche Leserinnen und Leser, die das weite Feld des Jazz erkunden wollen.
Die Zahl der Klassiker des Jazz von seinen Anfängen bis heute haben der (2003 verstorbene) Herausgeber Peter Niklas Wilson und die weiteren neun Autoren auf knapp hundert beschränkt. Lexikalisch breite Erfassung war verständlicherweise nicht intendiert, denn Reclams Jazzlexikon (2003) leistet dies mit rund 2000 Biografien. Die Absicht war, wie in der Vorbemerkung festgehalten wird, in ausführlichen Einzeldarstellungen «Jazzgeschichte als Werkgeschichte der wichtigsten Musiker zu schreiben». Zudem sollten sich die Artikel an eine interessierte Leserschaft, nicht nur ans Fachpublikum richten. Und ein Schwerpunkt wurde auf die Persönlichkeiten und Entwicklungen in Europa sowie auf modernere Tendenzen des Jazz gelegt.
Der Reigen der Biografien von Jazz-Erneuerern, geordnet nach Geburtsjahr, setzt ein mit Jelly Roll Morton (geb. 1890), Benny Moten (1894), Sidney Bechet und Fletcher Henderson (1897) und schliesst mit den Zeitgenossen Louis Sclavis und John Zorn (1953), Pat Matheny (1954) und Steve Coleman (1956). Dazwischen reicht sich die Hände, was Rang und – klangvolle, aber auch einem breiten Publikum weniger bekannte – Namen hat, darunter (nur) fünf Frauen (Mary Lou Williams, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Carla Bley) sowie in eigenen Beiträgen vier Gruppen (Modern Jazz Quartet, Art Ensemble of Chicago, Vienna Art Orchestra, Ganelin Trio).
Die Freiheit der Autoren bei Aufbau und Gliederung ihrer Artikel hat zu abwechslungsreichen, persönlich geprägten Porträts geführt. Selbstredend liegt der Hauptakzent auf der jeweiligen Biografie, auf der musikalischen Entwicklung, den kompositorischen Konzepten, der Spieltechnik und auf der Rezeption, wobei in der kritischen Auseinandersetzung, Erläuterung, Kommentierung und Wertung auch Selbstzeugnisse und Aussagen von Mitmusikern, Freunden und Widersachern des betreffenden Jazzmusikers herangezogen werden. In detaillierten Besprechungen wichtiger Kompositionen bzw. Improvisationen sind Charakteristika und Personalstil herausgearbeitet. Am Schluss eines jeden Artikels finden sich Hörempfehlungen (ausgewählte Tonträger) und Literaturhinweise.
Da lernt man eine Comédie humaine des Jazz kennen: Neben den Lichtgestalten Musiker, die im Haupt- oder Nebenberuf Zuhälter und Pokerspieler waren, Cabaretbesitzer, Kriminelle, Schneider, Schauspieler … Einige erlagen früh heimtückischen Krankheiten, manche sassen im Gefängnis, andere wurden abhängig von Alkohol und harten Drogen, zerstörten ihre Kreativität und ihr Leben. Triumphe und Tragödien.
Zunehmend weitet sich das Spektrum, bezieht den zeitgeschichtlichen, den gesellschaftlichen Wandel mit ein, das Umfeld in den städtischen Zentren und abseits, die urbane und die rurale Musikkultur, die Assimilierung von Elementen der amerikanischen und europäischen klassischen Musik, ostjüdische und fernöstliche, südamerikanische und arabische Traditionen, Filmmusik und Comic – kurz: das wirre, bunte, abenteuerliche, kreative Leben in Nightclubs, Revuetheatern, Bordellen, Saloons, Bars, Cabarets, Kinos, in den Aufnahmestudios und den altehrwürdigen Konzertsälen der Welt. Der lange Weg des Jazz zur «Black Classical Music» führt durch die Verwerfungen des ganzen 20. Jahrhunderts.
Allmählich, Beitrag um Beitrag, formt sich für den Lesenden eine immer facettenreichere Geschichte des Jazz in all seinen Bedingungen und Aspekten aus: Instrumentalspiel und Gesang, stilistische Entwicklungen, Instrumentarium, Besetzungen vom Solo bis zur Bigband, kompositorische Konzepte, Improvisation und Arrangements, Musikverlage, Einfluss politischer und gesellschaftlicher Ereignisse sowie der modernen Technik und der Medien auf die Entwicklung des Jazz als improvisierte Musik. Herauszuheben ist, dass dabei zeitgenössische, schwierig zu rezipierende Entwicklungen einlässlich behandelt und verständlich erläutert werden.
So üppig der Inhalt der beiden handlichen Bände, so spartanisch das alphabetische Verzeichnis der Musiker am Schluss von Band 2; es führt nur – entsprechend dem Inhaltsverzeichnis – die in eigenen Artikeln gewürdigten 98 Namen auf. Deren Verweis auf Nennung in den Beiträgen anderer Musiker wäre ebenso hilfreich gewesen wie die Aufnahme weiterer in den Texten erwähnter wichtiger Persönlichkeiten und Gruppen. (ws)
Jazz-Klassiker. Hrsg.: Peter Niklas Wilson. Autoren: Gerd Filtgen, Stefan Hentz, Wolfram Knauer, Thomas Loewner, Martin Pfleiderer, Stephan Richter, Hans-Jürgen Schaal, Tom R. Schulz, Peter Niklas Wilson, Marcus A. Woelfle. 2 Bände in Kassette. 98 Abbildungen. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart. 832 Seiten. € 24,90. Fr. 43.70.