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Lexikon der abendländischen Musiktheorie

Cover Lexikon Musiktheorie22.06.2005 — Mit dem «Lexikon Musiktheorie» hoffen die an der Hochschule für Musik Saar tätigen Autoren Thomas Krämer und Manfred Dings eine Lücke in Sachen Nachschlagewerke zu Musik zu schliessen. Sie beschränken sich dabei erklärtermassen auf die Kernfelder des Faches, nämlich Harmonielehre, Kontrapunkt, Generalbass und Neue Satzlehre – in ihrer traditionell abendländischen Ausprägung. Nur sehr kursorisch gestreift werden Themen aus Formenlehre, Akustik, Instrumentenkunde oder Gehörbildung. Die Selbstbescheidung verleiht dem Buch solides Profil und empfiehlt es für Studienanfänger und Fortgeschrittene als nützliches Referenzwerk zum schnellen Nachschlagen. Der Band kann aber auch als Repetitorium oder Wissensquelle für interessierte Laien und gestandene Berufsmusiker gute Dienste leisten.

Neben zahlreichen knappen, aber das Wesentliche treffenden Stichworteinträgen umfasst es bei globalen Begriffen wie Notenschrift oder Intervall gar luzide Minitraktate, die als vegetarischer Ersatz für opulente Abhandlungen zum Thema dienen können.

Die sicherlich bewusst gesetzten Grenzen des inhaltlichen Umfanges haben notwendigerweise auch Auslassungen zur Folge. Die Autoren haben sich der Präferenzen für den europäischen Hochschulkanon entsprechend dazu entschieden, die Schenkersche Theorie der musikalischen Hierarchien gegenüber dem Riemannschen Funktionsmodell eher kurz zu halten. Auch Ausdrücke aussereuropäischer Theorien wie Maqam oder Raga sucht man vergebens, dafür wird viel Gewicht auf die historischen Aspekte des eigenen Erbes gelegt, etwa denjenigen der Klausel, der bis zum bitteren Ende in Stichworten durch sämtliche Stimmen durchexerziert wird. Aus der Jazzharmonielehre wiederum finden sich ebenfalls eher kurz gehaltene, aber treffende Charakterisierungen von Bluescharakteristiken und Skalenmodell. Auf Weitergehendes wird verzichtet. So fehlt etwa ein Hinweis auf das fundamentale Lydian b flat genauso wie Hinweise auf die zentrale Bedeutung des Tritonus in moderneren Jazztheorien.

Derartige Auslassungen kann man den Autoren kaum zum Vorwurf machen. Für weitere Auflagen könnte man dafür den Wunsch anbringen, das Nachschlagewerk mit einer Zeittafel und/oder einem Personenverzeichnis zu ergänzen. Das Literaturverzeichnis wiederum umfasst tatsächlich die wichtigsten deutschsprachigen Standardwerke zu den jeweiligen Themen und zeigt auch, wo man sich über Akustik und Jazztheorie schlau machen kann. Aussereuropäische Musikkulturen bleiben aber auch hier aussen vor.

Man liebt es ja, zu beckmessern, wenn es um Nachschlagewerke geht, weil diese selber einen pedantischen Genauigkeits- und Gültigkeitsanspruch haben. «So steht es im Lexikon!» sollte der trotzige Schüler als Beweis anführen können. Und so können auch wir es uns nicht verkneifen, den Finger auf ein paar Ungenauigkeiten zu halten, die den Wert des Werkes und das Vertrauen in seine Zuverlässigkeit aber keineswegs schmälern. So scheinen sich die Autoren nicht darauf einigen zu können, ob der Schönbergkreis nun als «Wiener Schule» (Atonalität, 20) oder«Zweite Wiener Schule» (Hauptstimme, 111) zu bezeichnen ist. Die Obertonreihe wird korrekterweise als Reihe von ganzzahligen Vielfachen eines Grundtones charakterisiert, in der Illustration hingegen wird ein Verhältnis zwischen Grundton und erstem Oberton von 65:131 angegeben.

Eine subtile, aber möglicherweise verwirrliche Ungenauigkeit ist im Stichwort «Bewegungsart» die Behauptung, bei der Geradbewegung bewegten sich die Stimmen in identischen Intervallabständen, wo doch im Notenbeispiel diatonische und damit mitnichten identische Abstandsverhältnisse herrschen. In der Quintfallsequenz wiederum wird aufgrund der Regelmässigkeit einer Sequenz von «Vorausberechenbarkeit» gesprochen, wo wohl besser von «geweckter Erwartung» zu sprechen wäre. Aber wie gesagt: Solche Beispiele können höchstens dazu dienen, zu beweisen, dass der Rezensent das Werk tatsächlich von vorn bis hinten gelesen hat. Es hat ihm übrigens Spass gemacht. (wb)

Thomas Krämer, Manfred Dings: Lexikon Musiktheorie, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2005, 336 Seiten, 12 Euro, ISBN 3 7651 0370 5

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