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Georg Kreisler: Die Biographie

10.10.2005 — «Wer mir ,Schwarzen Humor’ andichten will, sieht nicht, dass ich die Wirklichkeit beschreibe.» Trotz der apodiktischen Feststellung wird Georg Kreisler dieses Attribut erhalten bleiben. Gewiss zu unrecht, denn der 1922 in Wien geborene Pianist, Schriftsteller, Dichter, Komponist, Satiriker, Kabarettist und Interpret hat weit mehr vorzuweisen als seine alten, bösen Lieder, mit denen er die Bürger in ihrer Scheinidylle aufschreckte: «Taubenvergiften», «Zwei alte Tanten tanzen Tango», «Bidla buh», «Das Tigerfest», «Mütterlein». Immerhin ist er mit Unruhe stiftenden, Grenzen verletzenden und Tabus brechenden Liedern ab Mitte der Fünfzigerjahre erst in Wien, dann im ganzen deutschsprachigen Raum populär geworden, verehrt, gefürchtet, gemieden.

Seit 1991 lebt Kreisler, der seine amerikanische Nationalität behalten hat, mit seiner vierten Frau in Basel, im Dreiländereck nahe Deutschland und Frankreich. Von der Bühne, auf der er Triumphe feierte und ausgebuht wurde, hat der mit vielen Preisen und Auszeichnungen Geehrte sich zurückgezogen, doch er komponiert und textet weiter, mischt sich ein in politische Debatten. Auch wenn der Lauf der Dinge ihn nicht zu grosser Hoffnung animiert, betrachtet er den Gang der Welt, wie er sagt, mit «heiterem Pessimismus».

Nun, genau fünfzig Jahre, nachdem Georg Kreisler aus den USA nach Europa zurückgekehrt ist, legen die deutschen Journalisten Hans-Juergen Fink und Michael Seufert seine erste Biographie vor («Die Biographie», wie es im Untertitel heisst).

In den vier nach Lebensepochen gegliederten Teilen wird Kreislers Vita in chronologischer Abfolge besichtigt. Von der Kindheit und Jugend in strengem jüdischem Elternhaus und unter den Bedrohungen des Antisemitismus und der Nazis führt der Weg 1938 in die USA (wo Kreisler als Entertainer und Barpianist mühsam Fuss fasst und in die Army eingezogen wird) und 1955 zurück in die Alte Welt, nach Wien, zum Start einer fulminanten Karriere.

Dem Verfasserduo ist ein im Aufbau konventionelles, an Details und Einsichten aber reichhaltiges Buch über Leben und Werk Georg Kreislers gelungen. Dass sie sich einlässlich dem Wien der Zwanziger- und Dreissigerjahre, der gesellschaftlichen Atmosphäre jener Zeit angenommen haben, ist nicht nur mit Blick auf Kreislers Standpunkt und viele seiner Themen wichtig, sondern auch verdienstvoll angesichts der zunehmenden Trübung des historischen Gedächtnisses, das einhergeht mit der Verharmlosung des nationalsozialistischen Terrorregimes.

«Dieses Buch wäre nicht zu Stande gekommen ohne die großzügige und geduldige Unterstützung von Georg Kreisler und seiner Frau Barbara Peters, die uns auf das Freundlichste in Basel empfangen und uns mit allen erwünschten Unterlagen, Fotos und Dokumenten versorgt haben», heisst es im Dankwort. Und: «Sehr wertvoll waren seine Anmerkungen zu unserem Manuskript.» Verständlich, dass im dergestalt zur offiziellen Biographie approbierten Buch einige die Person und ihr Werk betreffende Fragen offen geblieben sind.

Die Fleissarbeit des Autorenteams Fink/Seufert hat auch im Anhang ihren Niederschlag gefunden mit einem Werkeverzeichnis (Bücher, Bühnenwerke, Bearbeitungen, die zwei Dutzend Kabarettprogramme von 1961 bis 2002, Tonträger), Kreisler-Webseiten, dem Quellenverzeichnis und dem Personenregister.

Ein exquisiter Fund ist den Autoren zu verdanken: Sie machten im RCA-Victor-Archiv in New York das bisher verschollene Plattendebüt Georg Kreislers ausfindig. 1947 nahm er im Studio sechs eigene englischsprachige Songs auf; sie wurden dann wegen als stossend eingeschätzten Inhalten nicht veröffentlicht. Auf der dem Buch beiliegenden CD sind sie nun erstmals und dazu in erstaunlicher Frische zu hören.

Gesungenes und Ungesungenes

Wer zählt die Lieder, nennt die Namen, die Kreisler im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere geschaffen und in perfekter pianistischer, vokaler und mimischer Präsentation vorgetragen hat. Für die Qualität seiner Lieder spricht, dass die Worte auch unvertont ihren Biss, ihren Zynismus, ihre scharfzüngige Provokation behalten. Abgesehen davon ist Kreisler-Fans doch schon beim Lesen die Melodie gegenwärtig.

Die Autoren der Kreisler-Biographie, Hans-Juergen Fink und Michael Seufert, haben in Sammelbänden des Altmeisters geblättert und eine Blütenlese zusammengestellt, in der die wichtigsten Schaffensepochen berücksichtigt sind: gesungene und ungesungene Lieder, gereimt oder in Prosa.

Im Vorwort nennen die Herausgeber zwar einige Jahreszahlen, doch wäre es hilfreich gewesen, wenn sie den einzelnen Texten soweit verfügbar das Entstehungsjahr beigegeben hätten. (ws)

Hans-Juergen Fink und Michael Seufert: Georg Kreisler gibt es gar nicht. Die Biographie. Mit 28 Illustrationen und einer CD in limitierter Auflage. Scherz-Verlag, Frankfurt a. M. 2005. 319 Seiten. € 24,90. Fr. 43.70. Bei Amazon kaufen

Georg Kreisler: Leise flehen meine Tauben. Gesungenes und Ungesungenes. Herausgegeben von Hans-Juergen Fink und Michael Seufert. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2005. TB-Nr. 16946. 319 Seiten. € 8,95. Fr. 16.50. Bei Amazon kaufen

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