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Reclams Kammermusikführer, 13. Auflage

14.10.2005 — Immer noch gilt er als der in deutscher Sprache an Umfang, Personen und Werken reichste Lotse durch das Meer der Musik für kleine Besetzung, Reclams Kammermusikführer. In seiner 13. Auflage ist er auf den aktuellen Stand gebracht worden. Unter anderem sind dabei eine Vielzahl jüngerer Komponisten und Komponistinnen neu aufgenommen und die Kammermusik aus aussereuropäischen Kulturkreisen berücksichtigt worden.

Vor einem halben Jahrhundert, 1955, legte Hans Renner den Kammermusikführer erstmals vor mit «Einführungen in über 1500 Meisterwerke aus vier Jahrhunderten» – ein imponierendes Unternehmen, das sich alsbald als Standardwerk etablierte und mehrere, inhaltlich renovierte Auflagen erlebte.

Dem Wandel der Zeit und dem sich differenzierenden Umgang mit der Kammermusik – dem Interpretieren, Hören, Reflektieren, Beschreiben, der Ausweitung des Repertoires und des Tonträgermarkts, den Anforderungen des Konzertbetriebs und der Musikfreunde – drängten sich indes eine grundsätzliche, auch jüngere Forschungsergebnisse und Kompositionen berücksichtigende Ausrichtung dieses Führers auf.

Den Anfang machte die 10. Auflage dieses in manchem (auch vielen anfechtbaren Auslassungen und Beurteilungen) nicht mehr zeitgemässen Nachschlagewerks; 1990 wurde es völlig neu konzipiert und verfasst vorgelegt. Nun erfolgt ein weiterer Schritt: Die 13. Auflage stelle, wie Herausgeber Arnold Werner-Jensen im Vorwort festhält, «die eingetretenen Veränderungen und Entwicklungen der Musik unserer Zeit angemessen und in ihrer Vielfalt» dar.

Der Aufbau des über 1200-seitigen Bandes im handlichen Reclam-Format hat sich nicht geändert. Der erste, ein Zehntel des Gesamtumfangs beanspruchende Teil resümiert die Entwicklungen der Kammermusik ab dem 15. Jahrhundert und gibt einen nach Gattungen und Besetzungen geordneten chronologisch-systematischen Überblick von Sonaten für Melodie-Instrument und Generalbass bzw. für ein Melodie-Instrument (selbstredend ohne Musik für Tasteninstrumente solo) bis zum Oktett, Nonett und der Kammermusik für Bläser.

Teil zwei ist den Komponisten nach Reihenfolge ihres Geburtsjahrs (beginnend mit Arcangelo Corelli, 1653) und ihren Werken gewidmet: Kurzbiografie, Liste der Kammermusikkompositionen und einordnende Gesamtwürdigung sind den oft mit Notenbeispielen ergänzten Einzelbesprechungen der Werke vorangestellt. In den Zwischenüberblicken finden sich acht thematische Schwerpunktbeiträge: Die Mannheimer Hofmusiker; Komponisten um Schumann und Brahms; Europäische Komponisten am Beginn und in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts; USA; Die «Groupe des Six», die Neoklassizisten und ihre Zeitgenossen; Neutöner und Traditionalisten – die Schönberg-Ära; Kammermusik nach dem 2. Weltkrieg; Entwicklungen nach 1968.

Grundlegend aufgefrischt wurden die Kapitel über die Schönberg-Ära und über die Zeit nach dem 2. Weltkrieg; fortgeführt sind die Entwicklungen nach 1968, wobei sich der Blick weitet auf nicht-europäische Kammermusik.

Dass Komponieren keine Männerdomäne ist, findet den gebührenden Niederschlag. Gewürdigt wird beispielsweise das Schaffen von Ali-Zadeh, Bacewicz, Dinescu, Gubaidulina, Hölszky, Jazylbekova, Koblenz, Saariaho, Sadikova, Scherchen-Hsiao, Schlünz.

Erfreulich auch die Berücksichtigung von knapp zwanzig Schweizer Komponisten, darunter in eigenen Beiträgen Heinz Holliger (dessen Geburtsort allerdings Langenthal heisst, nicht Langenthai), Klaus Huber, Jürg Wyttenbach.

Das Register verzeichnet die Namen und die besprochenen Werke. Wo im Textteil das Todesjahr nicht mehr erfasst werden konnte, ist es im Register nachgeführt (Nachtrag: Christoph Delz ist 1993 verstorben).

Der von Arnold Werner-Jensen herausgegebene Kammermusikführer, an dem weitere sieben Autoren massgeblich mitgearbeitet haben, bewährt sich in seiner jüngsten Auflage als vielschichtiger, umsichtig wertender und an Neu- und Wiederentdeckungen reicher Begleiter durch alle Epochen der Kammermusik, ihr immenses Repertoire und den Facettenreichtum der Stile, Strömungen und Entwicklungen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. (ws)

Reclams Kammermusikführer. Hrsg.: Arnold Werner-Jensen. Mitarbeit: Ludwig Finscher, Wolfgang Ludewig, Klaus Hinrich Stahmer. Mit 556 Notenbeispielen.
13., aktualisierte und erweiterte Auflage. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart.
1235 Seiten. € 32,90. Fr. 57.10.

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