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Chronik des Rümlinger Festivals Neuer Musik

21.10.2005 — Dieses Buch gehört in die rar gewordene Kategorie Bibliophiles, die man am besten durch Angabe der Papierqualität charakterisiert: Sie schwankt zwischen Pop set matt mit 170 Gramm pro Quadratmeter und Munken Pur zu 115 Gramm pro Quadratmeter. Unter 115 Gramm macht es keine Seite. Auf den Blättern mit haptischem Eigenwert finden sich auf weissem und schwarzem Hintergrund originell gelayoutete und stimmungsvolle Fotostrassen, auf blauen Seiten Screenshots (selbstverständlich von Apple-Rechnern) mit Dedikationen und Chroniken in Form von E-Mail-Mitteilungen und auf senfgelbem Papier Materialien zum Nachschlagen – eine Festival-Chronik, die Programme des Rümlinger Festivals von 1990 bis 2004 und ein Personenverzeichnis. Kleine Perlen bilden Auszüge aus Partituren, Skizzen, Bauplänen und Regieanweisungen von Werken, die am ungewöhnlichen Festival in dem Baselbieter Dorf im Lauf der Jahre zur Aufführung gekommen sind.

Derart animiert macht man sich – nicht zuletzt als Rezensent, der das Festival selber nie besucht hat und dieses Versäumnis nach Lektüre des Bandes eindringlich bedauert – gerne ans Schmöckern. Allerdings wird man dabei nicht gerade an der Hand genommen: Die Schrift – das wagen wir in unserem vulgären Microsoft-Arial zu bemerken – hat ein «f», das aussieht wie ein Pfund-Zeichen und Umlautpunkte mit dem unbändigen Drang, sich aus dem Lesebild nach oben wegzustehlen.

In zu kleinem Schriftgrad zeichnet die Oberkante der Buchstaben feine seismographische Linien, was allein schon bei optimalen Lichtverhältnissen die Lesbarkeit hinmeuchelt. Die Lektüre des Buches in einer angemessen entspannten Atmosphäre stellt so aber beinahe ein Ding der Unmöglichkeit dar. Auch die Leserführung mit einem originellen, aber unlesbaren Inhaltsverzeichnis (ein rudimentärer Layoutplan) und gut versteckten Erklärungen zu den Fotos ist eher suboptimal und offenbar einem gestaltenden und nicht selber schmöckernden Geist entsprungen.

Davon mal abgesehen gibt es in der «Geballten Gegenwart» einiges an originellen Texten zu entdecken. Stimmungsvoll sind die Berichte, Anekdoten und Testimonials zur Geschichte des Festivals, die ein lebhaftes Bild des avantgardistischen Treibens im Schweizer Hinterland zeichnen. Man stösst aber auch auf Schwerverdauliches. «Die Klangimprovisation kann nicht als Zusammenwirken simpler Reaktionen auf Reize oder simpler subjektiver Eindrücke beschrieben werden; sie gleicht eher Aufstellungen von ästhetischer Ordnung, d.h. Formgebungen, verorteten und partikulären Gestaltungen des physisch-klanglich Gegebenen», heisst es etwa in der Übersetzung eines Textes von Jacques Demierre, der auch nach mehrmaligem Lesen wenig Substantielles preisgibt.

Ähnlich preziös kleidet sich stilitisch Hans Schneiders und Burkhard Stangls Text «Ohne Meisterwerk-Einschüchterung: Laien, Schule, Kunst». Ein genauer Blick darauf lohnt sich allerdings. Völlig zu recht weisen die Autoren auf ein fundamentales Defizit in der Vermittlung Neuer Musik in allgemeinen Schulen hin, nämlich auf die Tatsache, dass die Ausbildung der Pädagogen den Fokus auf die Reproduktion legt und damit passive Attitüden befördert. Da zeigt sich auch der offensichtliche Nachteil der E-Musik gegenüber der Popkultur, die im Gegensatz dazu eine Unmenge an Partizipationsmöglichkeiten anbietet und den Nachwuchs von Beginn weg zum selber komponieren und zu kreativem interpretatorischem Umgang mit Bekanntem verführt.

Mit einer solchen eigenschöpferischen Tätigkeit wird die intimste und stärkste Beziehung zur Musik und einem Musikstil geschaffen. Schneider und Stangl anerkennen denn auch die Initiative der Universität der Künste in Berlin, auch Komposition als Hauptfach im Schulmusikstudium zu etablieren – etwas das eigentlich schon lange selbstverständlich sein sollte.

Eine zweite wichtige Barriere zwischen dem Nachwuchs und der Kunstmusik ignorieren die Autoren im avantgardistischen Gestus allerdings beharrlich: Die Geringschätzung des Gemüthaften, das bloss negativ als «manisch exerzierter Wiederholungswille» oder noch radikaler als krude Vermittlung von «Liebesschmerz und Glückhormonen» abqualifiziert wird. Dass der emotionale Gehalt von Musik sich in der kommerziellen Musik in unoriginellen Platitüden erschöpft, hat aber entscheidend damit zu tun, dass die erste Garde der Tonschöpfer sich naserümpfend geweigert haben, den einfachen Gefühlen ihre schöpferische Potenz zu leihen. Dass sich der Nachwuchs da von der Pop- und Rockindustrie eher ernst genommen fühlt, versteht sich von selbst.

Schliesslich dürfen die beiden mit Tondokumenten vom Festival vollgepackten CD keinesfalls unerwähnt bleiben, denn sie bringen ja das eigentliche, nämlich die Musik dem Leser des Buches näher. Viele Perlen sind da zu entdecken, und nicht selten nimmt man bei interessanten Kompositionen staunend zur Kenntnis, dass dahinter ein Werkauftrag des Festivals steht. Hut ab vor diesem unschätzbaren Mäzenatentum in Sachen akustischer Courage.

Allerdings ist nicht für jede Art von Musik die Konserve ein ideales Medium. Relativ gut rüber kommen die Solowerke, für deren Verständnis Raum, Umstände und Genius Loci der ursprünglichen Aufführung am ehesten entbehrlich sind. Zu hören ist da Faszinierendes für Viola von Roland Moser und Garth Knox, für Saxophon von Georges Aperghis, für Stimme oder Gesang von Jaques Demierre und für Akkordeon, respektive Bandoneon von Vinko Globokar und Dino Saluzzi. Die perkussiv bestimmten Stücke von Walter Zimmermann und Younghi Pagh-Paan oder die Konzepte von Erwin Stache (selber gebaute Mikrocontroller zur Midi-Steuerung) oder Peter Ablinger («Instrumente und ElektroAkustisch Ortsbezogene Verdichtung (IEAOV)») sind ohne das optische Mitverfolgen des Geschehens hingegen vermutlich bloss eingeschränkt nachvollziehbar.

Daneben finden sich Klang gewordene Ideen, die ebenfalls kaum direkt einsichtig sind, etwa das bereits erwähnte Stück von Roland Moser, das einen Text seiner Worte entleert und bloss die Interpunktionszeichen zum Ausgangspunkt der musikalischen Struktur macht – eine hübsche Idee, die auf dem Weg zur konkreten Aufführung allerdings verloren geht. Verblüffend auf der andern Seite Thomas Kesslers Verarbeitung eines Textes von John Cage, die Stimme und Saxophon zu einem faszinierenden Klangmix koppelt. Ebenfalls Höhepunkte bilden Toshio Hosokawas Musik für die ostasiatische Mundorgel, unter deren kühler Oberfläche es bedrohlich brodelt, und Sergio Ortegas im Vergleich zu andern Beiträgen auf der CD beinahe konventionell anmutende, aber hoch expressive und verstörende Streichquartett-Sätze. (wb)

Lydia Jeschke, Daniel Ott, Lukas Ott (Hsg): Geballte Gegenwart – Experiment Neue Musik Rümlingen, Christoph Merian Verlag, Basel 2005, ISBN 3-85616-257-7

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