04.11.2005 — «Mögen wenigstens andere von meinem Beispiel lernen, von dem, was ich getan habe, sie müssen es nicht auch noch von anderen lernen», hofft der greise Lorenzo Da Ponte im Jahr 1830 in seinen Memoiren. Und aus seinem überreichen Erfahrungsschatz gräbt er die Perlen.
«Vertrau nicht honigsüssen Worten; öffne dein Herz nicht Leuten, deren Charakter und Verhalten du nicht seit vielen Jahren kennst; wende dich mit eisernem Willen und steinernem Herzen von denen ab, die mit Schmeichelstimme um Mitleid bitten; vergleiche die Rechtschaffenheit von anderen nicht mit deiner eigenen Rechtschaffenheit; sag nicht, der Soundso hat keinen Grund, mich zu betrügen, mich zu hassen oder zu enttäuschen, deswegen wird er mich nicht hassen, betrügen oder enttäuschen, sondern sag dir, im Gegensatz dazu, genau das Gegenteil, denn das genaue Gegenteil ist exakt das, was ich immer wieder erleben musste; wenn du von der Natur mit einigen Begabungen beschenkt worden bist, verbirg sie sorgfältig vor anderen; schliesslich, mach dir keine Hoffnung, die Seelen von bösen Menschen mit Nachsicht und Wohlwollen zu ändern.»
Das liest sich wie eine sarkastische Version der Epistel «An meinen Sohn Johannes, 1799» von Matthias Claudius, in dem es heisst: «Scheue niemand so viel als Dich selbst.» Doch Da Ponte, dessen Begeisterungsfähigkeit, Seelengüte und Ahnungslosigkeit Schnorrer, Schelme, Schmarotzer, Betrüger, Intriganten und Denunzianten angezogen haben, bilanziert akkurat die Schwächen, die fast alle seiner Höhenflüge in Bruchlandungen enden liessen. Gegen Ende seines Lebens, das er im Alter von fast neunzig Jahren beschloss, sah sich der einst Ruhmbedeckte als Gescheiterter. Stoff für einen prallen Roman in Balzacs «Comédie humaine».
Zusammenarbeit mit Mozart
Gewiss hätte sein Name heute keinen Klang mehr, wenn Lorenzo Da Ponte, der die Libretti zu etwa fünfzig ernsten und heiteren Opern schrieb, in Wien nicht einem Genie begegnet wäre: Mozart (in Da Pontes Schreibweise stets Mozzart). Der Zusammenarbeit des Textdichters und des Komponisten entsprangen drei magistrale Bühnenwerke: «Le nozze di Figaro» (1786), «Il dissoluto punito o sia il Don Giovanni» (1787) und «Così fan tutte ossia la scuola degli amanti» (1790). In den Archiven schlummern, kaum je zu kurzfristigem Leben erweckt, Musiktheaterwerke von Martín y Soler, Gazzaniga, Salieri, Winter, Righini, Weigl, für die Da Ponte die (nicht durchs Band inspirierten) Textbücher geliefert hat.
Das Pensum des Italieners war enorm: Er schrieb neben etlichen Kantaten in kaum überschaubarer Fülle Verse und Gedichte, betrieb rege Briefwechsel mit Freunden, übersetzte ins Italienische, verfasste Sprachbücher und seine Memoiren, gab Vorträge und Vorlesungen und – stets mit offenem Herzen und leichtgläubig – Geschenke, Darlehen und Geld, unterzeichnete für andere Wechsel, für die er nicht geradestehen konnte, ging mehrmals bankrott und rappelte sich immer wieder auf.
«Der ärgste Feind seiner selbst»
Das turbulente Leben des Lorenzo Da Ponte (1749–1838) hat in der britischen Autorin Sheila Hodges eine verständnisvolle Erzählerin und kritische Interpretin gefunden. Verständnisvoll, weil sie auch die Schwächen und Irritationen des Charakters mit Respekt und ohne Süffisanz ausbreitet, kritisch, weil sie die schönfärberischen, selbstgefälligen Memoiren mit Distanz und Bedacht auswertet, die offensichtlichen Lücken mit Hilfe verlässlicheren Quellenmaterials füllt oder Rechtfertigungen des Bonvivants relativiert. Mag sein, dass die Autorin das barocke, ausufernde Leben Da Pontes mit gezähmter Emotionalität schildert, die theatralischen, romanhaften Züge von Charakter und Biografie hier und dort mehr als nötig unterkühlt.
Die Biografin entwirft vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der bevölkert ist mit Herrschern, Domestiken, Theatermenschen, berühmten Sängerinnen und Sängern, Komponisten, Schülern, Geistlichen, Geliebten, Freunden und Feinden, ein differenziertes Porträt Da Pontes und seiner Familie.
Zeitlebens habe sich der leicht beeindruckbare, selbstbezogene Mann «dem Drama des Augenblicks hingegeben». Zwei sich widerstreitende Seelen wohnten in seiner Brust: die eine dem Vergnügen, der Ausschweifung zugetan, die andere leidenschaftlich der Literatur, dem Studium der italienischen Dichterfürsten verfallen. Da Ponte, von «chamäleonartiger Wandlungsfähigkeit», sei stets «der ärgste Feind seiner selbst» gewesen. Und: «Er war kein grosser Dichter, und schon gar kein besonders origineller; aber er hatte ein untrügliches Gespür für die besonderen Bedürfnisse des jeweiligen Komponisten, mit dem er zusammenarbeitete.»
«Sklave der Leidenschaft»
Der «vielschichtige Mensch voller Widersprüche» sei, so Sheila Hodges, «möglicherweise stärker von seiner jüdischen Herkunft geprägt, als er selbst spürte oder gar wollte, dass andere das glaubten».
Als «Sklave der Leidenschaft» hat sich Da Ponte bezeichnet, und in seinen Frauengeschichten erweist er sich als ebenso leicht entflammbar wie sein Freund Casanova. Eine der Stärken des Buchs liegt darin, dass Sheila Hodges nicht einfach Da Pontes geschönte Versionen seiner Frauengeschichten nacherzählt, sondern den Tatsachen auf den Grund geht, beispielsweise Licht in die Affäre mit der Primadonna Adriana Ferrarese (u. a. der «Figaro»-Susanna und der «Così»-Fiordiligi) bringt.
Mit Musik hatte er lebenslänglich zu tun, der 1773 zum Priester Geweihte, als Librettist, als Theaterleiter, Produzent und Impresario im Wien Kaiser Josephs II., ebenso in London, wo er sich zudem als Druckermeister und Buchhändler etablierte, sich in seiner Begeisterung in unrentable Projekte verstrickte, zahlungsunfähig und verhaftet wurde.
Pionier in der Neuen Welt
1805 setzt er nach Amerika über (Frau und Kinder waren ihm 1804 vorausgereist), wo er in New York ein Lebensmittelgeschäft eröffnet und zwei Jahre später die Tätigkeit eines Opern-Impresarios und eines Lehrers für Italienisch aufnimmt und – mit der Absicht, die italienische Sprache und Literatur, ebenso die Oper, in der Neuen Welt Fuss fassen zu lassen – eine umfangreiche und kostbare Bibliothek italienischer Autoren zusammenträgt. Ein Pionier in manchen Gebieten.
Ab 1825 wirkt er als Professor für Italienisch an der Columbia University, und drei Jahre danach wird er amerikanischer Staatsbürger. Seine Erinnerungen stossen auf wenig Resonanz. 89-jährig stirbt er verarmt in New York. Sein Grab ist, gleich jenem Mozarts, verschollen.
In seiner letzten Lebenszeit notierte Da Ponte: «Ich träumte von Rosen und Lorbeer. Doch von den Rosen hatte ich nur die Dornen und vom Lorbeer nur die Bitternis. Das ist der Lauf der Welt.» (ws)
Sheila Hodges: Lorenzo Da Ponte. Ein abenteuerliches Leben. Aus dem Englischen von Ulrich Walberer. Mit Abbildungen, einem chronologischen Überblick und Werk- und Literaturverzeichnis. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005. 298 Seiten. € 29,95. Fr. 53.90.
Bei Amazon kaufen