16.12.2005 — Mozart schreibt: «haben sie einmahl etwas von einem englischen S: V: Abtritte gehöret? – – das findet man hier fast in allen Hôtels. Auf beyden seyten sind wasserpippen, die man nach der Execution umdrähen kann; eine Macht das wasser Abwerts die andere das Wasser, das auch warm seyn kann, aufwerts spritzen. Ich weis nicht wie ich es ihnen mit höflichen und anständigen Worten mehr erklären kann, das übrige müssen sie sich einbilden, oder mich seiner Zeit fragen.» Der Passus, entnommen einem in Paris am 4. März 1764 verfassten Brief, stammt aus Leopold Mozarts Hand – das Wunderkind Wolfgang war erst achtjährig.
Und am folgenden 9. März notiert der Vater, gleichfalls in einem Brief an Lorenz Hagenauer, den Eigentümer von Familie Mozarts erster Salzburger Wohnung: «Der Platz la Greve ist hier der Ort, wo man die Missethätter in die andere Welt schicket. Wer ein Liebhaber von diesen Executionen ist, der hat fast alle Tage etwas zu sehen. Letzlich sind eine Cammerjungfer, die Köchin und der Gutscher neben einander en compagnie gehencket worden. Sie dieneten einer blinden reichen Wittwe, welcher sie bey 30000 Louis d’or entwendet haben, da sie eben ihr Capital nach Haus bezahlt bekommen. […] In der vorigen Woche ward ein Notarius publicus vom Chatelet, ein Mann von 70. Jahren in Effigie gehenckt, welcher, […] eine Defraudation und falliment von einer unzahlbahren Summa gelds gemacht hat. Es war würklich Schade, daß er nicht selbst in Persona da ware; Sie hencken aber auch hier keinen, wenn sie ihn nicht haben.»
Sohn Wolfgang (15) hält in einer Nachschrift zu einem Brief seines Vaters aus Mailand lapidar fest: «meinen handkus an die mama. an alle gute freunde meine empfehlung. ich habe auf den domplatz hier 4 kerl hencken sehen. sie hencken hier wie zu lion.» – Aufschlussreich für den jungen Komponisten ist ein Ausschnitt, ebenfalls von 1771 aus Mailand: «oben unser ist ein violinist, unter unser auch einer, neben unser ein singmeister, der lection gibt, in dem lezten Zimmer gegen unser ist ein hautboist. daß ist lustig zum Componiern! giebt einen viell gedancken.»
Sieben Jahre später schreibt er dem Vater: «ich kann so ziemlich, wie sie wissen, alle art und styl vom Compositions annehmen und nachahmen.»
Ein vielseitig interessierter Zeitzeuge
Ein weltoffener, kühler, nicht zu Scherzen aufgelegter Beobachter war er, Vater Leopold, ein Mann seiner Zeit, viel lebenstüchtiger und bodenverhafteter als sein genialer Sohn, über den die Schwester Nannnerl 1792 notieren liess: «ausser der Musick war und blieb er fast immer ein Kind; und dies ist ein HauptZug seines Charakters auf der schattigten Seite; immer hätte er eines Vatters, einer Mutter, oder sonst eines Aufsehers bedarfen …» Wie auf seiner Bewerbungsreise nach Paris, auf der ihn, den bald 22-Jährigen, statt des unabkömmlichen Papas die in Sachen Antichambrieren hilflose Frau Mama begleiten musste.
Leopold Mozart, der die Begabungen seines Sohns gottesfürchtig und zielbewusst, keinesfalls in der ihm von mancher Seite vorgeworfenen ausbeuterischen Absicht, zu entwickeln verstand, nahm nicht nur wissbegierig Teil an seiner Umgebung und dem Lauf der Welt, er war ein zum Glück eifriger Briefschreiber, ein mitteilsamer Zeitzeuge, dem wir eine Fülle aufschlussreicher Nachrichten verdanken: über seine Familie, die Reisen mit seinen Kindern, das Leben zu Land, in Kleinstädten und Metropolen, von Arbeitern, Bürgern, Adligen, gekrönten Häuptern, und natürlich über alle Facetten des Musiklebens in europäischen Ländern.
Pedantisch und einlässlich führte «der alte redliche Mann und Vatter», wie er unterzeichnete, Buch bzw. Brief, und erwartete ein Gleiches von anderen. 1777 mahnte er aus Salzburg Frau und Sohn in Augsburg: «Es bleiben mir manche Sachen unbeantwortet, und ihr werdet beobachten, daß ich euch auf alles antworte. warum? – – weil ich, wenn ich das nötigste geschrieben habe, dann euer Schreiben vor mir hinlege, – durchlese, und so oft etwas kommt, solches beantworte. ferner – liegt immer ein Stück Papier auf meinen tisch; so oft mir was beyfällt, das ich Euch zu schreiben hätte, so notiere es mit einem paar Worte. kommt es alsdann zum Briefschreiben, so kann ich nichts vergessen.» Dass sich die Tagesarbeit seines Sohns nicht im peniblen Briefschreiben erschöpfte, hätte Leopold eigentlich wissen können.
Zeugnisse von 1755 bis 1857
Gesammelt sind Leopolds Briefe in «Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe», einem Kompendium, das seit seinem ersten Erscheinen (1962–1975) ein unverzichtbares Basiswerk der Mozart-Forschung ist. Nun, aus Anlass von Mozarts 250. Geburtstag am 27. Januar 2006, liegt das Referenzkorpus in einer achtbändigen erweiterten Ausgabe vor.
Unter den gesamthaft 1643 Schriftzeugnissen aus dem Zeitraum von 1755 bis 1857 bildet der Bestand an Briefen Leopold Mozarts den Hauptharst (647), gefolgt von den Aufzeichnungen Wolfgang Amadés (517, inbegriffen Nachschriften zu Briefen von Vater und Mutter sowie 145 Einträge samt Incipits des ab 1784 geführten «verzeichnüß aller meiner Werke»). Nicht nur stammen, wie gesagt, die meisten und in der Regel ausführlichen Dokumente dieser Sammlung von Vater Mozart, von ihm sind auch die höchsten Verluste (über 100) bekannt: Die Briefe an Wolfgang zwischen April 1781 und 1787, Leopolds Todesjahr, sind verschollen; umso bedauerlicher, weil Wolfgang praktisch ausschliesslich nur mit seinem Vater ihn beschäftigende künstlerische Fragen verhandelte.
Selbstredend stehen seit jeher die Briefe Wolfgang Amadés (er selbst nannte sich Amadè, niemals Amadeus, selten einmal Gottlieb) im Mittelpunkt des Interesses. Wer allerdings die Schriften seines Vaters links liegen lässt, erweist sich und Wolfgang einen schlechten Dienst.
Erhalten haben sich zudem Dokumente von Mozarts Frau Constanze (192), von Schwester Maria Anna, dem Nannerl (118, darunter Tagebucheinträge und Reisenotizen), von Mutter Anna Maria (46), von Mozarts Söhnen Franz Xaver (11) und Carl Thomas (6). Von sonstigen Personen stammen 106 Briefe.
Dreizehnjährige Publikationsgeschichte
Das fundamentale Werk zu Mozart und seiner Zeit geht auf die Initiative der Herausgeberin, der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg, zurück. Der Grazer Altphilologe und Kulturhistoriker Wilhelm A. Bauer (1888–1968) und der Wiener Kunsthistoriker, Bibliothekar und Musik-Bibliograph Otto Erich Deutsch (1883–1967) erarbeiteten die vier Textbände, die 1962/1963 erschienen. Die Kommentarbände und das Register besorgte dann im Wesentlichen der aus Passau gebürtige Bankkaufmann, Jurist und Mozart-Forscher Joseph Heinz Eibl (1905–1982); die zwei Kommentarbände wurden 1971, der Registerband 1975 im Bärenreiter-Verlag vorgelegt.
Als Taschenbuchausgabe ist nun das «einzigartige Dokument europäischer Geistesgeschichte» für ein «breites, musik- und kulturhistorisch interessiertes Publikum» (Ulrich Konrad) als unveränderter Nachdruck herausgekommen. Auf Wunsch der Stiftung Mozarteum, des Bärenreiter-Verlags und des Deutschen Taschenbuch Verlags (dtv) ist die Gesamtausgabe mit einem achten Band erweitert worden.
Der Ergänzungsband von Ulrich Konrad
Im Vorwort seines Ergänzungsbandes betont der Mozart-Forscher Ulrich Konrad, dass es nicht darum gehen könne, «die Gesamtausgabe auf den aktuellen Stand der Materialkenntnis und der Forschung zu bringen». Die Stiftung Mozarteum als Herausgeberin fühle sich jedoch der Aufgabe verpflichtet, «an der Aktualisierung dieser Edition weiterzuarbeiten und alle gewonnenen sowie noch eintretenden Erkenntnisse in einer künftigen Neuausgabe vorzulegen. Bis dahin aber werden der ,Bauer-Deutsch’ und der ,Eibl’ sowohl der wissenschaftlich interessierten als auch der breiteren Leserschaft gute und verläßliche Dienste leisten.»
Der knapp 160 Seiten umfassende Ergänzungsband enthält ein analysierendes Essay über Wolfgang Amadé Mozart, den Briefschreiber, erfasst den Bestand der Schriftzeugnisse, enthält gut ein Dutzend weitere Briefe von Vater und Sohn Mozart nach wieder zugänglichen Originalen, listet die inzwischen geklärten bzw. neuen Besitzer von Autographen auf, bringt die im Mozart-Jahrbuch 1976 und 1980 publizierten Nachträge Eibls zu seinen Kommentarbänden, ferner eine Bibliographie der Ausgaben der Briefe Mozarts und seiner Familie sowie das Register (Namen, Werke, Orte).
Indiskrete Blicke
Während in den meisten Briefkollektionen von Künstlern, Wissenschaftlern oder Politikern nicht verborgen bleibt, dass sie (auch und zuweilen insbesondere) mit Blick auf einen weiteren Leserkreis und die Wirkung in zukünftigen Zeiten verfasst wurden, liegt eine der Qualitäten der Mozart-Sammlung darin, dass der öffentliche Aspekt von den Schreibenden (mit geringen Ausnahmen) nicht intendiert ist. So ertappt man sich bei der Lektüre der mozartschen Familienbriefe als ungebetenen Eindringling in die Privatsphäre.
Mozart, das Genie, zeigt sich in seinen Briefen als Jüngling und als Mann mit vielen Emotionen, vielen Gesichtern, vielen Masken und – eine Parallele zum kompositorischen Œuvre – vielen, den Empfängern angepassten Stilen und Formen. Letztlich nur subjektiv und aus der Summe aller Zeugnisse zu beantworten ist die Frage, wo Mozart sich wirklich ins Innere blicken lässt und wann er das Innere brillant kaschiert.
Dies gilt im besonderen auch für die Briefe an «mon trés cher Pére!» Die stereotype Grussformel mit dem Adjektiv im Superlativ «und bin dero gehorsamster sohn» nimmt im Lauf der Jahre und mit zunehmender Spannung in der Sohn-Vater-Beziehung eine Unterkühlung an, die Wolfgangs eigenbestimmtes, zuweilen renitentes Verhalten höchstens noch mit dem Schleier der Konvention bedeckt. Einer der faszinierendsten Aspekte des Briefwechsels zwischen dem gesellschaftskonformen Vater und dem sich aus familiären Rücksichten und sozialen Zwängen befreienden Sohn ist denn auch die Spurensuche nach den Zeichen zunehmender Distanzierung zwischen Wolfgang und Leopold.
Dass die Nachwelt über derart viele und aussagekräftige Dokumente zu Mozarts Leben verfügen kann, ist nicht zuletzt der extensiven Reisetätigkeit und der dadurch bedingten Trennung der Familie zu verdanken. («ohne reisen |: wenigstens leüte von künsten und wissenschaften 😐 ist man wohl ein armseliges geschöpf!», Mozart 1778 aus Paris an seinen Vater.) Ein beträchtlicher Teil seiner Lebenszeit von gut 35 Jahren war Mozart auf Reisen – wie Joseph Heinz Eibl ausgezählt hat – «3720 Tage, das sind 10 Jahre, 2 Monate, 8 Tage». Oft unterwegs mit dem gesamten Hausrat war er im letzten Lebensjahrzehnt: Als Mozart mit seiner Frau nach Wien gezogen war, logierten sie zwischen März 1781 und Dezember 1791 in insgesamt 14 verschiedenen Wohnungen.
Streiflichter auf Leben und Werk
Die erstaunliche Fülle der in «Mozart. Briefe und Aufzeichnungen» versammelten Materialien darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Leben und Schaffen Mozarts und seiner Familie nur in Bruchstücken und mit Streiflichtern erhellt sind. Zudem: Auch wenn es lesend je nach eigenem Hintergrundwissen und dank plastischer Schilderung gelingen mag, hier und dort nahe an den Kreis der Personen und Ereignisse zu treten, wird man sich bewusst werden, dass uns eine lange Zeitspanne von den Akteuren und Verfassern trennt.
Zuweilen nur mit Mühe überbrückbare Entfernung schafft auch die Sprache, die sich samt vielen Bedeutungen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewandelt hat. Als unverzichtbarer Schlüssel bewähren sich deshalb die beiden üppigen Kommentarbände, die als kenntnisreiche, detailversessene Führer dem Lesenden zur Seite stehen, ihm beispielsweise erläutern, was in den eingangs zitierten Briefen Leopolds «in Effigie», «Defraudation» und «falliment» bedeuten und wie man die Abkürzung «S: V:» auflöst: salva venia, mit Verlaub. Was verweist auf Leopolds distinguierte, stets auf honette Bürgerlichkeit bedachte Haltung.
Verständlich ist dies nicht zuletzt, weil sein und seiner Kinder Beruf nicht zu den elitären zählte. Kaiserin Maria Theresia gab 1771 ihrem in Mailand residierenden Sohn Erzherzog Ferdinand, der Wolfgang anzustellen nicht abgeneigt war, kund (Original in Französisch): «Sie erbitten von mir, dass sie den jungen Salzburger in Ihren Dienst nehmen dürfen. Ich weiss nicht als was, da ich nicht glaube, dass Sie einen Komponisten oder unnütze Leute nötig haben. Freilich, wenn Ihnen das dennoch Vergnügen macht, will ich kein Hindernis sein. Was ich sage ist, dass Sie sich nicht mit unnützen Leuten beschweren, und niemals Titel an solche Leute verleihen, als ständen sie in Ihren Diensten. Das macht den Dienst verächtlich, wenn diese Leute dann wie Bettler in der Welt herumreisen, übrigens hat er eine grosse Familie.»
adio ben mio leb gesund
Wolfgang Amadé Mozart, der untrügliche Menschenkenner, hatte das Heu nicht auf der Bühne vieler Angehöriger jener Gesellschaftsschicht, die er gern musikalisch zu unterhalten verstand und sich von ihr finanziell unterhalten liess. «Es war eine menge Nobleße da», teilt Mozart seinem Vater 1777 aus Augsburg mit, «die Ducheße arschbömerl, die gräfin brunzgern, und dan die fürstin riechzumtreck, mit ihrn 2 töchter, die aber schon an die 2 Prinzen Mußbauch vom Sauschwanz verheyrathet sind.»
Eine Nachschrift der Maria Anna Mozartin zu einem Brief Wolfgangs von 1777 aus München an Leopold: «wür führen ein charmantes leben, früh auf spath ins beth, den ganzen dag haben wür visiten, leben wie die fürsten Kinder, bis uns holt der schinder. – adio ben mio leb gesund, Reck den arsch zum mund. ich winsch ein guete nacht, scheiss ins beth das Kracht, es ist schon über oas iezt kanst selber Reimen.»
Und wir machen uns einen Reim auf Wolfgang Amadés Bäsle-Briefe. (ws)
Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe. Herausgegeben von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg. Gesammelt und erläutert von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, auf Grund deren Vorarbeiten erläutert von Joseph Heinz Eibl. Erweiterte Ausgabe mit einer Einführung und Ergänzungen herausgegeben von Ulrich Konrad. Acht Bände mit Faksimile-Tafeln und Notenbeispielen, ca. 4550 Seiten im Schuber. Gemeinsame Ausgabe Bärenreiter-Verlag, Kassel, und Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), München 2005. € 148,00. Fr. 224.-
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