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Geschichte der musikalischen Bildung

27.01.2006 — An diesem Buch wird kaum jemand vorbeikommen, der sich künftig mit den geschichtlichen Wurzeln der musikalischen Bildung beschäftigen will. Mit diesem Opus magnum ist Karl Heinrich Ehrenforth, seines Zeichens Professor für Musikpädagogik an der Musikhochschule in Detmold, ein in sich stimmiges Werk gelungen, das vom Verlag überaus sorgfältig und mit sichtbarer editorischer Liebe zum Detail betreut worden ist. Das Buch – eine Aufweitung des Artikels «Musikpädagogik» im Grundlagenwerk Musik in Geschichte und Gegenwart – entwirft in vierzig episodenhaft angelegten Stationen ein faszinierendes Fresko der Bedeutung, welche die Musik in Gesellschaft und Alltag der Völker über die Jahrtausende eingenommen hat und adressiert erklärtermassen «den interessierten ‚Laien’ genauso wie den Studierenden vornehmlich geisteswissenschaftlicher Fachrichtungen» (17), wobei angehende Naturwissenschaftler aus dem Text gewiss nicht weniger Gewinn ziehen dürften.

Die Reise durch die historischen Ausprägungen des musizierenden Menschen beginnt mit Streiflichtern auf aussereuropäische Frühkulturen und Schamanismus. Sie erstreckt sich in der Folge über die europäische Antike und das Mittelalter, die Aufbrüche in der Neuzeit und die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen der Aufklärung und mündet schliesslich mit Materialien zur Schulmusik im Nachhall der 68er-Bewegung sowie in Essays zu den künftigen Herausforderungen der musischen Erziehung.

Der Ausblick wird in Form von Thesen gewagt. Zum ersten ist Ehrenforth der Überzeugung, dass sich die Musikpädagogik auch in der schnell fortschreitenden Säkularisierung ihrer religiösen Herkunft bewusst werden muss. Zum zweiten sollen die Schere zwischen Arm und Reich, die Beschleunigung des Lebenstempos und der Zerfall des Wissens im Spezialistentum spezielle Herausforderungen darstellen.

Der Autor – dies dokumentiert auch das im Text immer wieder aufscheinende Thema der Säkularisierung – verleugnet seine eigene, von theologischen Fragestellungen und hermeneutischer Methodik geprägte Optik keineswegs. Der über weite Strecken als Selbstreflektion des musizierenden Theologen (oder theologiebewegten Musikers) angelegte Text könnte pragmatischer orientierten Lesern den Zugang erschweren, wäre da nicht die Redlichkeit des Autors, die dazu führt, dass er seine eigenen methodischen und weltanschaulichen Rückbindungen jederzeit transparent hält.

So ist sich Ehrenforth durchaus bewusst, dass der Text «als Versuch zu werten [ist], auf einen grösseren Horizont um der Erkenntnis der Sache willen hinzuweisen und einen ersten vorläufigen Rahmen abzustecken, der hoffentlich von Jüngeren gefüllt, korrigiert und neu akzentuiert werden wird.»

Im grossen und ganzen verengt sich der Horizont mit fortschreitender Nähe zur Gegenwart, der Text wird fokussierter, aber auch lebendiger und engagierter. Zu den spannendsten Passagen gehören denn auch die persönlichen Erfahrungsberichte Ehrenforths, der als Zeitzeuge etwa aufschlussreiche Berichte zur Lehrtätigkeit von Fritz Jöde, einem wichtigen Exponenten der Zupfgeigenhansl-Generation, nach dem Zweiten Weltkrieg beisteuern kann.

Skepsis ist hingegen dort angebracht, wo – vor allem in der Zeit nach der Renaissance – möglicherweise eher literarisch-idealistische Debatten abgebildet werden als die faktischen Verhältnisse, ohne dass dies immer transparent bliebe. So verweist Ehrenforth etwa auf die Anfang des 19. Jahrhunderts aufkommenden Landerziehungsheime wie die von Philipp Emanuel von Fellenberg gegründete Schule Hofwyl in Bern; das praktische Leben in solchen Erziehungsheimen wird in der Folge allerdings anhand fiktionaler Passagen in Goethes «Wilhelm Meister» exemplifiziert. Behauptungen zur den tatsächlichen Verhältnissen, die genauso interessieren könnten, stehen ab und zu unkommentiert (und unbelegt), etwa wenn in einer Fussnote (306) darauf hingewiesen wird, dass Empfehlungen Mattheson «weitab von der damaligen Erziehungspraxis in den Schulen» gewesen sei.

Ehrenforths globaler Blick lässt zahlreiche historische Details in einem interessanten neuen Licht erscheinen. So ahnt man etwa wie modern, ja revolutionär Guido von Arezzos Methode der Solmisation (168) zu ihrer Zeit gewesen sein mag (auch wenn die Gleichsetzung von «intentional» mit «kreativ» den analytischen Philosophen etwas ratlos lassen dürfte). Dass etwa die Frage, ob der Musikunterricht nun Hochkultur oder Populäres zu vermitteln habe (321) bereits das frühe 19. Jahrhundert beschäftigt hat, nimmt man schmunzelnd zur Kenntnis. Auch dass in Sachen Eurythmie durchaus polemische Töne angeschlagen werden (442) oder das Denkmal Adorno vom Sockel geholt wird (486), ist dazu angetan, das Lesevergnügen zu erhöhen.

Ehrenforths Entwurf grosser Linien und die dezidiert theologische Perspektive führen aber auch dazu, dass die Genauigkeit vereinzelt leidet. So wird man unseres Erachtens etwa Kepler nicht wirklich gerecht, wenn man ihm beim Versuch, die «Weltharmonie mit modernen mathematischen Ableitungen» zu beweisen, primär theologische Motive unterstellt. Sein Bemühen darum, die metaphysischen Behauptungen der Pythagoräer im eigenen Experiment zu überprüfen und festzustellen, dass sie sich eben nicht aufrechterhalten lassen, ist im ausgehenden Mittelalter nicht zuletzt ein erster wichtiger Schritt ins empirische Zeitalter.

Die stark verkürzten und von aktuellen Debatten unberührten Bemerkungen zur Frage, ob Musik Abbild von etwas Aussermusikalischem sein kann (63) mögen im Zeitalter der Kognitionswissenschaften und nach den Schriften von Autoren wie Cooke, Langer, Meyer und Sloboda eher Verwirrung stiften, und wenn behauptet wird, dass der energetische Ansatz Halms und Kurths nicht aufgearbeitet worden sei (413), dann wird nicht nur das originelle Werk von Viktor Zuckerkandl unterschlagen, sondern eine lebhafte Diskussion vornehmlich in den Kreisen der angelsächsischen Musiktheoretiker ignoriert, die 2001 im interessanten Versuch einer Quantifizierung derartiger Kräfte in Fred Lerdahls Buch «Tonal Pitch Space» gipfelte.

Solche Defizite, die ein so opulentes Unternehmen wie ein Gesamtbild über viertausend Jahre musikalische Bildung zwingend begleiten müssen, schmälern das Verdienst des Buches jedoch keineswegs. (wb)

Karl Heinrich Ehrenforth: Geschichte der musikalischen Bildung – Eine Kultur-, Sozial- und Ideengeschichte in 40 Stationen, Schott Verlag, Mainz 2005, 554 Seiten, ISBN 3-7957-0502-9 Bei Amazon kaufen

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