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Metzler Musik Chronik: Anregendes Lesebuch

21.02.2006 — «Im Zeitalter der Spezialisierung aller Forschung und Lehre kann ein einzelner die Zusammenfassung eines Gebietes eigentlich kaum mehr wagen. Trotzdem muß das Ganze immer wieder als Ganzes dargestellt werden, und zwar aus der Fachwissenschaft selbst heraus. Eine Gesamtdarstellung kann aber nur ein einzelner leisten, weil hierfür ein Standpunkt zu verlangen ist. Ein Buch wie dieses fußt deshalb für die meisten Details auf Spezialstudien, also auf Arbeiten vieler Autoren, und trotzdem ist überall versucht, den Standpunkt des einen Autors erkennen zu lassen und durchzuhalten.»

Arnold Feil, emeritierter Professor für Musikwissenschaft an der Universität Tübingen und langjähriger Editionsleiter der Neuen Schubert-Ausgabe, richtet sich mit seiner umfangreichen Chronik «an die Kenner und Liebhaber der Musik». Sein «Lesebuch der Musikgeschichte», verfasst aus eurozentrischem, deutschem Blickwinkel, doch offenen Geistes, orientiert sich «an den Werken als den eigentlichen Fakten der Musikgeschichte» und schlägt in chronologischer Ordnung den Bogen über gut 1600 Jahre, beginnend mit der einstimmigen liturgischen Musik im vierten Jahrhundert, endend mit einer 2005 uraufgeführten Komposition.

Die Metzler Musik Chronik ist 1993 erstmals erschienen; die nun vorliegende 2. Auflage hat der Autor um fünf Dutzend Seiten erweitert im Kapitel über die Musik in der Gegenwart. Als Hauptstütze diente Feil für sein umfangreiches Opus die alte MGG, die zwischen 1949 und 1986 edierte Enzyklopädie «Die Musik in Geschichte und Gegenwart». Ausserdem zitiert er üppig Quellenmaterial, Primär- wie Sekundärliteratur, Aussagen von Komponisten, Abhandlungen, Briefe, Zeitschriftenartikel.

In der Gliederung des Stoffs folgt der Autor – im Wissen um deren Angreifbarkeit – den traditionellen Epochebezeichnungen: Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock, Wiener Klassik, Früh- und Hochromantik, Moderne Musik (ca. 1890–1920), Neue Musik (1910–1950) und Musik in der Gegenwart. Jedem Teil ist ein Abschnitt vorangestellt, der historische und gattungsmässige Zusammenhänge aufzeigt. Dabei werden einige Zeiträume zweifach behandelt, je unter verschiedenem Aspekt.

In den Kapiteln sind die Werke – einzelne Opera, Sammlungen oder von Feil gruppenweise gewürdigte Kompositionen – nach Jahreszahlen geordnet (Datum der Entstehung, der Uraufführung oder der Erstpublikation). Da der Autor das Hauptgewicht auf die Musikgeschichte in ihren Kontexten legt, sind die Werkartikel keine Werkanalysen; dafür werden sie charakterisiert in ihrer Stellung im Schaffen des Komponisten, in ihrer gattungsgeschichtlichen Bedeutung, und zur Sprache kommen biografische und soziologische Bezüge.

Zur Verdeutlichung der grossen Linien schiebt Feil hier und dort konzentrierte Überblicksartikel ein, beispielsweise: Carissimi und die Hochblüte des Oratoriums in Italien; die Dresdner Hofkirchenmusik unter Heinichen und Zelenka; Lully am Hof des Sonnenkönigs; die Ära Jommelli der Barockoper in Stuttgart; Schubertiaden in Wien; die Neudeutschen und ihre Symphonischen Dichtungen; Tanz- und Filmmusiken im Dritten Reich; Anfang vom Ende serieller Komposition; Neuere russische Musik auf den Berliner Festwochen 1980.

Nicht nur musikalische Werke sind in den Blick genommen, darunter (zeit-)typische, die nicht den höheren Sphären zugehören (etwa die Anthologie «Als der Großvater die Großmutter nahm», das «Kaiserliederbuch», das Salonstück «Gebet einer Jungfrau», Grubers «Stille Nacht» und die Internationale), sondern auch markante Ereignisse wie: Eröffnung von Opernhäusern, Gründung von Orchestern, Musikzeitschriften, musikalischen Gesellschaften und Vereinen, Feste, Ausstellungen, Festspiele und bedeutende Musikstädte.

Berücksichtigt werden des Weiteren musiktheoretische Publikationen (z. B. Mailänder Traktat um 1100; «De musica libri septem» des Francisco de Salinas; das Musikalische Lexikon von Johann Gottfried Walther; Christian Gottfried Körners Abhandlung «Über Charakterdarstellung in der Musik»; Ferruccio Busonis «Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst»; «Sammelbände für vergleichende Musikwissenschaft»), zudem musiksoziologische Phänomene, Instrumentenbauer, Notendrucker, Erfindungen (Mälzels Metronom; Entwicklung von Geräten und Trägern zur Tonaufnahme und -wiedergabe; elektronische Ausrüstung), Urheberrechtsgesetzgebung.

Verständlich, dass aussereuropäische Musik, sofern nicht verbunden mit der abendländischen Tradition, dass Jazz, Rock, Pop, Unterhaltungs- und Filmmusik in dieser Chronik nur am Rand berührt werden. Ein Namen-/Werkregister erleichtert den Zugriff, bedauerlich indes, dass ein nicht minder nützlicher Sachindex fehlt.

Trotz der Fülle der Daten, Fakten und Interpretationen verliert Arnold Feil den roten Faden der Musikgeschichte nicht aus den Augen und führt als umsichtiger, klar formulierender Cicerone von der Gregorianik in die Gegenwart. Ein breites farbenreiches Panorama, ein anregendes Lesebuch der Musikgeschichte im Zeitraffer, das selbst dem Kundigen manche Entdeckung bereithält. (ws)

Arnold Feil: Metzler Musik Chronik vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart.
2. erw. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2005. 895 Seiten. € 34,95. Fr. 56.-
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