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Musik-Konzepte: Händel unter Deutschen

08.03.2006 — Die meiste Zeit lebte Händel als George Frederick (auch Frederic oder Frideric) Handel unter Engländern, von 1712 bis zum Tod 1759, insgesamt 47 Jahre seiner 74-jährigen Lebensspanne. Wer denkt, das Thema Händel in Deutschland sei deshalb eher von marginaler Ausstrahlung, kann sich durch die neue Publikation in der Reihe Musik-Konzepte eines Besseren belehren lassen.

Der Band «Händel unter Deutschen» fasst die wesentlichen Aspekte der deutschen Händel-Rezeption zusammen, spannt dabei den Bogen von der zweiten Hälfte des 18. bis ins letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Grundgedanke dabei ist, die Rezeptionsgeschichte von Händels Musik mit Schwergewicht auf Oratorien und Opern als – wie Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort festhält – «musikgeschichtliches Muster für die kulturelle Konstruktion von nationalen Identitäten» zu schreiben und zu lesen. Sowohl im victorianischen England wie dann auch in Deutschland wurde unter je eigenen Vorzeichen Händel eingespannt zur kulturellen Konstruktion bzw. Rekonstruktion nationaler Identität, was bis zu den Händel-Zerrbildern des Nationalsozialismus und zur Händel-Pflege in beiden deutschen Staaten führte.

Vom Norden Deutschland ging die Händel-Verbreitung aus. Gudrun Busch leuchtet in ihrem Beitrag «Die deutsche Händel-Rezeption in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts» das Netzwerk aus, dessen Zentren Braunschweig, Berlin und Hamburg bildeten mit den Protagonisten Johann Joachim Eschenburg, Christian Gottfried Krause und Friedrich Nicolai, Carl Philipp Emanuel Bach, Friedrich Gottlieb Klopstock und Christoph Daniel Ebeling. Im Zentrum des Interesses standen die Werke «Alexanderfest», «Judas Makkabäus» und «Messias». Weitere Orte der Händel-Pflege waren Weimar, Schwerin und Wien. Ins Spiel kommen unter anderen Goethe, Haydn, Mozart, Baron Gottfried van Swieten. Händels Einfluss in Deutschland sieht die Autorin in der Wirkung seiner Chöre, der Säkularisierung des Oratoriums (das zum Zeichen bürgerlicher Selbstdarstellung dient) und in der Entwicklung zum bürgerlichen Konzert.

Bernd Edelmann befasst sich in seinem Beitrag «Der bürgerliche Händel» mit der deutschen Händel-Rezeption zwischen 1800 und 1850. Er beschreibt, wie sich auf dem Kontinent eine bürgerliche Musikkultur entwickelte mit von den Höfen unabhängigen Strukturen. Als Beispiel für die sich formierenden Oratorienchöre steht Carl Friedrich Zelters Berliner Sing-Akademie. Besonders populär wurde in Zeiten der napoleonischen Kriege das Oratorium «Judas Makkabäus». Der Autor untersucht Einflüsse Händels in Werken Beethovens, bei Mendelssohn und Schumann sowie die Oratorienbearbeitungen des Ignaz von Mosel.

Als Ausgangspunkt seines Essays «Shakespeare und Händel. Aufstieg, Peripetie und Niedergang eines kulturgeschichtlichen Diskurses» nimmt Martin Geck die Schrift «Shakespeare und Händel. Zur Ästhetik der Tonkunst» (Leipzig 1868) von Georg Gottfried Gervinus. Geck analysiert die Geschichte einer musikpolitischen Auseinandersetzung, die bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert mit Johann Gottfried Herder begann (Händel ein Shakespeare der Musik; Brückenschläge zwischen den Künsten), sich fortsetzte mit Anton Friedrich Justus Thibaut («Über Reinheit der Tonkunst», Heidelberg 1824) und dann von Schumann, Wagner und Nietzsche aufgegriffen wurde. «Ob wir wollen oder nicht», resümiert Geck, «ist auch unser eigenes Händel-Bild vom Shakespeare-Händel-Diskurs und seinen politischen und nationalistischen Implikationen bestimmt.»

Händel-Bildern des 20. Jahrhunderts geht Isabelle Müntzenberger nach in «,Händel-Renaissance(n)‘. Aspekte der Händel-Rezeption der 1920er Jahre und der Zeit des Nationalsozialismus». Dank der Bestrebungen des Kunsthistorikers Oskar Hagen setzte, nach bescheidenen Anläufen im 19. Jahrhundert, 1920 in Göttingen mit «Rodelinde» eine Renaissance der Opern Händels ein. Zwei Jahre später kam in Halle die erste Händel-Oper, «Orlando», zur Wiedergabe. Die Autorin erörtert die damaligen Schwierigkeiten mit der Aufführung von Barockopern und die eingreifende Bearbeitungspraxis. Neue Zugänge öffneten die Aufführungen «Alter Musik» durch Willibald Gurlitt und Heinrich Besseler. Ein düsteres Händel-Kapitel: Unter dem Zeichen der nationalsozialistischen «Gleichschaltung» wurden Oratorien, im besonderen «Judas Makkabäus», mit schamlosen Eingriffen und antisemitischen Neutextierungen der Propaganda dienstbar gemacht.

Der Händel-Rezeption der jüngeren Zeit widmet sich Dietrich Helms in seinem Beitrag «Westöstlicher Händel. Die ,Opernrenaissance‘ in den beiden deutschen Staaten». Erst in Göttingen, dann in Halle stellte man die Pflege der Opern in den Mittelpunkt. Helms gibt einen Überblick über wichtige Ereignisse, Festspiele, Werkbearbeitungen, Aufführungsstile, involvierte Musiker, über Händel-Forschung, Händel-Gesellschaften und Literatur zu Händel in der Bundesrepublik und in der DDR.

Bibliografische Hinweise und eine Zeittafel, die wesentliche Fakten der deutschen Händel-Rezeption von 1759 bis 2000 auflistet, die Abstracts und die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren beschliessen den Band. (ws)

Händel unter Deutschen. Reihe Musik-Konzepte, Band 131. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. I/2006, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München.
114 Seiten. € 13,-. Fr. 23.60. Bei Amazon kaufen

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