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Ulrich Konrad: Wolfgang Amadé Mozart

28.03.2006 — Seraphischer Götterliebling oder umtriebige Pop-Ikone? Oder Kombinationen der beiden Extreme? «Jede Generation, die sich ihr Bild vom Komponisten macht, ist davon überzeugt, den ,wahren’ Mozart zu besitzen – was an ihren Vorstellungen richtig oder falsch war, entscheiden die Nachgeborenen (falls richtig und falsch überhaupt Kriterien gegenüber einer Wahrheit der Vergangenheit sein können).»

Er sei sich «der Zeitgebundenheit und der persönlichen Färbung» auch seines Mozart-Bildes bewusst, räumt der deutsche Mozart-Forscher Ulrich Konrad im Vorwort seines Buchs «Wolfgang Amadé Mozart. Leben – Musik – Werkbestand» ein. Doch er habe sich «nach Kräften um eine möglichst sachbezogene Darstellung bemüht». Das heisst nun allerdings nicht, dass seine von erzählerisch-spekulativer Phantasie freie Erkundung des Lebens und Schaffens Mozarts sich in Distanz statt Annäherung niedergeschlagen hat. Denn Konrad gewinnt durch seine detailreiche Bestandesaufnahme und unemotionale Darstellung ein grundlegendes Werk der gesicherten Fakten über Mozart.

Die Basis hat das Buch in Ulrich Konrads für die Enzyklopädie «Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG)» verfasstem Beitrag über Mozart. Was der Autor dort in engen Grenzen «möglichst umfassend, verläßlich und verständlich» darstellte, hat er nun für die vorliegende Publikation breiter ausgeführt, verdeutlicht und ergänzt. – Konrad verfasste übrigens auch Band VIII (Einführung und Ergänzungen) zum 2005 vorgelegten Nachdruck der Gesamtausgabe von «Mozart. Briefe und Aufzeichnungen».

Ulrich Konrad stützt sich auf die primären Quellen: Briefe und Aufzeichnungen Mozarts und seiner Familie, Dokumente aller Art und das kompositorische Schaffen. Indem er Lücken aufzeigt, benennt, was seines Erachtens falsch interpretiert wurde oder fragwürdig geworden ist, Ausschmückungen, Vermutungen, Ungewisses und dokumentarisch nicht Belegtes eliminiert, schminkt Konrad das bei den meisten Mozart-Fans beliebte faltenlose Bild des Meisters gründlich ab. Dafür treten die Wesenszüge in scharfer Belichtung hervor, das Rätselhafte, Widersprüchliche in seinem Charakter, nicht zuletzt auch all das Unfassbare, Unerklärliche in Leben und Werk.

Kein geringes Verdienst von Konrads bis ins Stilistische hinein frischer kühler Luft der Gelehrtendisziplin ergibt sich für die Lesenden daraus, dass sie sich auf dem festen Boden der Tatsachen bewegen, andrerseits (vom Autor wohl nicht intendiert) ihre Phantasie angeregt wird, eigene Erklärungen zu entwerfen. Denn darauf, dass manche Aspekte sich einer Deutung, einer Auslegung förmlich aufdrängen, weisen auch einige Bemerkungen des Autors hin: «es liesse sich spekulieren»; «vielleicht»; «eher unwahrscheinlich»; «beweisbar ist das nicht»; «wenn nicht alles täuscht».

Teil I mit dem umfangreichen, in chronologischer Folge geschilderten biografischen Stoff leitet Konrad ein mit Bemerkungen zur Mozart-Forschung und zu Mozart-Bildern. Die sechs folgenden Kapitel sind gegliedert nach wichtigen Lebensabschnitten: Kindheit und Jugend 1756–1773, Zeit der Orientierung 1773–1781, Die ersten Jahre der Selbständigkeit in Wien 1781–1783, Erfolgsjahre in Wien 1784–1787, Wendezeit 1787–1789, Die späten Jahre 1789–1791. Ein abschliessendes Kapitel ist Mozarts äusserer Erscheinung (mit einer Zusammenstellung der authentischen bzw. als unecht geltenden Porträts) und seiner Persönlichkeit gewidmet.

Auf wesentliche Merkmale von Mozarts Musik kommt Ulrich Konrad in Teil II zu sprechen, darunter auf Mozarts Schaffensvorgang (idealtypisch in vier Phasen gegliedert), auf Periodisierung, Stil und Wirkung. Die «stilistische Vielförmigkeit und die große Beweglichkeit in der Anwendung von Mitteln aus unterschiedlichen Genera bei gleichzeitig waltender Kraft der Synthese» mache den charakteristischen Wert von Mozarts musikalischer Kunst aus. Mozart habe «keine abstrakten ästhetischen Reflexionen» angestellt, «sondern seine aufs Ganze gesehen ohnehin eher seltenen Aussagen zur Musik immer an die Evidenz des komponierten Notentextes und des klingenden Werks» gebunden.

«Aus der Erkenntnis der Distanz zwischen Mozarts eigener musikalischer Gegenwart und derjenigen seiner nachgeborenen Hörer, im deutlichen Bewußtsein des eingetretenen Unterschieds also, erwächst die Möglichkeit, die Bedingungen unseres Verstehens und damit das zu Verstehende selbst besser zu erfassen als in der bloßen Wahrnehmung vermeintlich zeitenthobener, autonomer Musik», hält der Autor im Abschnitt über Funktion und ,Ort’ der Musik fest.

Mozart-Werkverzeichnis

Unverzichtbar für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Mozart ist das systematische Verzeichnis seiner rund 825 Werke. Ulrich Konrad hat auf 250 Seiten sämtliche Kompositionen erfasst, nach Gattungen und Sachgruppen geordnet und mit allen wichtigen Angaben versehen. Das materialreiche, mit Register versehene Nachschlagewerk ist einerseits Bestandteil des Buchs «Wolfgang Amadé Mozart. Leben – Musik – Werkbestand», andrerseits liegt es auch als selbständige Publikation vor.

Das Mozart-Werkverzeichnis erschliesst den heute bekannten Bestand: die authentischen Werke (auch eine Auswahl zweifelhafter und unterschobener Kompositionen), die Bearbeitungen fremder Werke, die kompositorischen Fragmente, Studien, Skizzen und Entwürfe, die eigenhändigen Abschriften fremder Werke, die Gelegenheitsgedichte, Stammbucheinträge und Lustspielentwürfe.

Hauptziel des Verzeichnisses sei es, so Konrad, «dem Benutzer eine Hilfe zur Orientierung im Œuvre des Komponisten sowie in den bibliographischen und historischen Primärdaten anzubieten, wie sie nach aktuellem Wissensstand möglich ist». Die Werk-Systematik mit den tabellarischen Listen (KV; Titel/Textanfang; Textdichter; Besetzung; Tonart; Datierung; AMA; NMA; Anmerkung) folgt der Neuen Mozart-Ausgabe. Bei jeder Komposition werden alle ihr bislang zugeteilten KV-Nummern verzeichnet.

Wer denkt, das alles sei doch eine recht trockene Sache, liegt falsch. Denn selbst der Antworten auf ungestellte Fragen sind viele. Etwa: Das Schlaflied, das Wolfgang bis ins 10. Lebensjahr gesungen haben soll? («Oragna figata fà») – Die nach Takten umfangreichste Messe? (KV 66) – Die erste Verwendung von Klarinetten in einer Originalkomposition? (Divertimento KV 113 von 1771) – Wer hat den korrekten Zunamen des Klavierkonzerts KV 271 eruiert? (Michael Lorenz, 2004: Jenamy-, nicht Jeunehomme-Konzert) – Wie verhält es sich mit der Sinfonie KV 444? (Sie stammt von Michael Haydn, nur die Einleitung von Mozart) – Wie lautet der mozartsche Textanfang des sechsstimmigen Kanons KV 231, publiziert als «Laßt froh uns sein»? («Leck mich im Arsch»)

Im Anhang des mit Illustrationen und Notenbeispielen bereicherten Bandes «Wolfgang Amadé Mozart. Leben – Musik – Werkbestand» findet sich eine umfangreiche Bibliographie. Ein Personen- und ein Orteregister, ebenso ein Verzeichnis der Werke nach KV-Nummern enthalten beide Publikationen. (ws)

Ulrich Konrad: Wolfgang Amadé Mozart. Leben – Musik – Werkbestand. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005. 486 Seiten. € 34,95. Fr. 62.90. Bei Amazon kaufen

Ulrich Konrad: Mozart-Werkverzeichnis. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005. 251 Seiten. € 19,95. Fr. 35.90. Bei Amazon kaufen

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