31.03.2006 — Das Institut für Wertungsforschung der Grazer Kunstuniversität wurde 1967 von Harald Kaufmann ins Leben gerufen. Es ist im deutschsprachigen Raum damit eine der traditionsreichsten Einrichtungen, die sich explizit der Musikästhetik verschrieben haben. Nachhaltig geprägt worden ist das Institut von Otto Kolleritsch, der ihm von 1970 bis 2002, also ganze 32 Jahre vorgestanden ist. Seit 2002 werden seine Geschicke vom Wiesbadener Musikwissenschaftler und Philosophen Andreas Dorschel bestimmt. Das Institut ist seit Jahrzehnten nicht zuletzt publizistisch aktiv: Ein 1968 durchgeführtes Symposion zu Fragen der Musikkritik, das so illustre Grössen wie Theodor W. Adorno, Joachim Kaiser, Heinz-Klaus Metzger und Willi Schuh vereinte, bot unter dem Titel «Schriften zur Wertungsforschung» Anlass zur Begründung einer Reihe, die mit dem gegenwärtig vorliegenden 46. Band keinerlei Zeichen von Ermüdungserscheinungen zeigt.
Die 2005 erschienene Nummer ist der Filmmusik gewidmet und fragt «nach dem ‚state of the art’ der Musik im europäischen und amerikanischen Film an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert», wie Andreas Dorschel in einem Vorwort erklärt (11). Der Fokus liegt dabei auf der Funktion der klassischen Musik auf der Tonspur, was – wie Dorschel sogleich betont – «nicht an einer déformation professionelle von Musikwissenschaftlern» liege. Es habe sich vielmehr «herausgestellt, dass die sogenannte klassische Musik im Film ein Brennpunkt von Veränderungen ist, in denen gegenwärtig westliche Gesellschaften eine Umwertung ihrer kulturellen Werte ins Werk setzen.» (11)
In einer Einführung skizziert der Herausgeber gleich selber eine differenzierte Kritik verschiedener Theorien zu Funktion und Ursprung der Filmmusik – Offenlegung verborgener Bedeutungsschichten, unterschwellige Konditionierung des Zuschauers, Überspielen dialogloser Partien –, die in einigen klugen Überlegungen dazu münden, weshalb sich die Musik als allgegenwärtige Begleiterin des Filmgeschehens etabliert hat, nicht aber als solche szenischer Erzählung im Theater. Der Text endet in der etwas enigmatischen Bemerkung, Musik finde im Film «jenen Ausdruck, den die Worte nie hatten und den die Wirklichkeit, als sie zum blossen Bild wurde, verlor.» (20)
Auf einer generalisierenden Ebene stellt auch die Wiener Musikhistorikerin Cornelia Szabó-Knotik die Frage nach dem «Zusammenhang von Kunstmusik und populärem, popularisierendem Medium.» (23) Anhand der Filme «The Hudsucker Proxy», «The Big Lebowski», «The Man Who Was’t There», die Joel und Ethan Cohen in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Carter Burwell realisierten, sowie Shekar Kapurs «Elizabeth» exemplifiziert die Autorin Funktionen der Kunstmusik. Diese können von einer «satirisch überzeichneten Selbstinszenierung» (25) bis zum «Abgehobensein vom täglichen Leben» (28) reichen.
Die folgenden Fallstudien umfassen detailreiche, mit Szenenchroniken angereicherte Analysen zur Funktion der Musik in Scorseses «Casino» (Julie Hubbert), Angelopoulos’ «Die Ewigkeit und ein Tag» (Harald Haslmayr), Kubriks «Eyes Wide Shut» (Albrecht Riethmüller), Joffés «Vatel» (Christine Pollerus), von Triers «Dancer in the Dark» (Guido Heldt), Widrichs Kurzfilm «Copy Shop» (Arno Russegger) und Hanekes «La Pianiste» (Julie Brown).
Die methodische Beschränkung auf einen filmischen Kosmos, der die Musik quasi aus der Innensicht der europäischen Hochkultur reflektiert, fokussiert den Blick weitgehend auf die Rolle der Filmmusik in der Werken des Arthouse Cinemas. Verzichtete man auf die dem Band zugrundeliegende Forderung nach ästhetischer Relevanz der besprochenen Filme und richtete man den Blick auf Hollywood-Produktionen des Mainstreams, zu denen Grössen wie Goldsmith, Williams und Horner ihre Partituren beigesteuert haben, liesse sich dazu vermutlich eine kontrastierende Funktion ausmachen. Da dient im Gegensatz dazu in den filmtechnisch avanciertesten und spektakulärsten Werke des populären Kinos nämlich ausgerechnet der Gestus der spätromantischen Klangdichtung als Topos traditioneller Werte und der Ästhetik des traditionellen Musiktheaters. (wb)
«Tonspuren. Musik im Film: Fallstudien 1994-2001», Band 46 der Studien zur Wertungsforschung des Institutes für Wertungsforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, herausgegeben von Andreas Dorschel, Universal Edition 2005, ISBN 3-7024-2885-2. www.kug.ac.at/iwf