25.07.2006 — Mit seinem jüngsten Buch legt der Musikwissenschaftler Constantin Floros eine Sammlung von Essays, Berichten und Quellen vor, die ein facettenreiches Bild der europäischen Kunstmusik im 20. Jahrhundert zeichnen. Der mittlerweile 76-Jährige, der in den achtziger und neunziger Jahren die Musikwissenschaft an der Universität Hamburg mitprägte, erklärt im Vorwort, es sei sein Anliegen gewesen, «auch die zeitgeschichtlichen, geistigen, psychologischen und sozialen Hintergründe dieser ars nova zu beleuchten.» (8) Von dieser Perspektive aus werde die Musik des 20. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit erstmals gedeutet.
Letzteres mutet angesichts des Umfanges des Buches und der Publikationsfreudigkeit von Komponisten und Theoretikern der europäischen Avantgarde eher kühn an. Das Buch macht vielmehr den Eindruck eines melancholischen Blicks zurück auf die «amtliche» Perspektive der deutschen Geisteswissenschaft, welche die Achse Schönberg – Adorno – Darmstädter Ferienkurse zum Mass aller Dinge gemacht hat. Rund die Hälfte der Kapitel beschäftigen sich mit Schönbergs Werk selber. Zwei interessante Abhandlungen widmet der griechischstämmige Publizist dem seiner Ansicht nach unterbewerteten griechischen Schönberg-Schüler Nikos Skalkottas. Eigene Kapitel erhalten Nono, Messiaen, Boulez, Ligeti, Zimmermann, Schnittke, Henze und Rihm. Schliesslich widmen sich weitere Abhandlungen sachlichen Aspekten: dem Phänomen des «irisierenden Klanges», dem Multikulturellen in der Neuen Musik und der Postmoderne. Mindestens einer der Texte – derjenige zu «Multikulturellen Phänomenen in der Musik» – ist bereits früher einmal publiziert worden.
Die Texte weisen keine einheitliche Brennweite auf, und Floros’ Tour d’horizon durch das 20. Jahrhundert trägt teils analytische, teils anekdotische Züge. Subtile technische Analysen – etwa zu Schönbergs «Gurreliedern» – stehen neben episodischen Erzählungen, zum Beispiel zu einer Begegnung von Floros und Nono in einem Café, in der die Musik von Berg, Schönberg und Nono selber zur Sprache kommt. Verraten wird da, dass man über Nonos «Prometeo» gesprochen hat, nicht aber, um was es dabei gegangen ist. Und es wird mitgeteilt, dass Nono mit seinem Librettisten über Floros’ Mahler-Bände gesprochen und Nono auch Floros’ Bücher über Brahms und Bruckner gelesen hat. Da freuen wir uns für den Autor, der sich beim Komponisten mit den Worten «Non dire addio alla speranza» verabschiedet. Dieser wiederum wirft ihm zum Abschluss «einen ernsten Blick zu».
Solche Selbstbezogenheiten, in welche die Texte immer wieder abgleiten, lassen sich entschuldigen, ist doch anregend und erfrischend, was Floros ansonsten über sein Thema zu berichten weiss. Angesichts des umfassenden Wissens und der Zeitzeugenschaft des Wissenschaftlers lohnt sich die Lektüre – allerdings nicht als Einführung in die Materie, werden doch zahlreiche offene Fragen aufgenommen, mit denen der Leser mit Vorteil bereits vertraut sein sollte, um die gedankliche Arbeit auch würdigen zu können. Kenner der Materie finden eine reichhaltige Materialsammlung vor, die sorgfältig editiert und gestaltet worden ist und dank hoher Sprachbeherrschung und erzählerischem Talent literarisches Vergnügen bietet, ohne je geschwätzig zu wirken.
Etwas mehr erfahren möchte man allerdings, wenn Quellenmaterial mit dem Hinweis präsentiert wird, dieses werde zum ersten Mal publiziert, ohne die Neugier zu stillen, wie Floros denn in den Besitz solcher Preziosen gekommen ist. So referiert er einen «bislang unveröffentlichten Kommentar» Ligetis zum Phänomen der irisierenden Klänge ohne vollständige Quellenangabe. Ebenso unvollständig sind die Herkunftsangaben zu zwei unbekannten Briefen von Schönberg und Berg, denen gar ein eigenes Kapitel gewidmet ist.
Das Buch erhebt im Untertitel den Anspruch, auch die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zu reflektieren. Es scheint aber offensichtlich, dass Floros in der Ästhetik des Darmstadt-Kreises befangen bleibt – bei aller Offenheit gegenüber den als Abweichlern üblichen Verdächtigen (Henze, Ligeti, Schnittke, Zimmermann). Zur aktuellen Befindlichkeit der Neuen Musik hat er wenig zu sagen. Das eher oberflächliche Kapitel zur «sogenannten Postmoderne» endet mit der polemisch-klischierten Bemerkung, dass Orientierungslosigkeit ein bedenkliches Symptom unserer Zeit sei. Komponierende Frauen wiederum sind für Floros praktisch inexistent. Der Platz, den Sofia Gubaidulina in Randbemerkungen als Komparsin der männlichen Musikgeschichte erhält, unterstreicht die Marginalisierung. Persönlichkeiten wie Nadia Boulanger, Olga Neuwirth, Adriana Hölszky, Isabel Mundry, Kaija Saariaho oder Younghi Pagh-Paan sind in Floros’ «gedeuteter Gesamtheit» überhaupt inexistent. (wb)
Constantin Floros: Neue Ohren für Neue Musik – Streifzüge durch die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, 2006 Verlag Schott Musik, Mainz, 256 Seiten, ISBN 3-7957-0547-9. Bei Amazon kaufen