06.09.2006 – Schröder = Wotan, Müntefering = Siegmund, das Volk = Siegfried, Merkel = Kundry. Daraus liesse sich ersehen, so Axel Brüggemann, dass mit Angela Merkel die Rezeption der Werke Wagners wieder dort angelangt sei, wo sie auch in der Zeit Wagners war: «Seine Opern wurden als Mythen gelesen, die zwar unabhängig neben der Realpolitik existierten, sich der Wirklichkeit aber in ihren Bildern und Symbolen öffneten. Im Unterschied zum 19. Jahrhundert haben sie inzwischen allerdings allerhand historische Klitterungen durchgemacht und deutsche Geschichte in sich aufgesogen.»
Ein Urmythos der Nation sei er, der «sächsische Gesamtkunstwerkler» Wagner, der (laut Brüggemann) Barrikadenkämpfer, Egomane, Frauenverschlinger und Königsdiener, Verräter, Intendant und Komponist, Mythensammler und Mythenschöpfer, Nutzniesser und Benutzter, der ideologische und ideologisierte Künstler.
Axel Brüggemann, freier Journalist (Jahrgang 1971), nähert sich dem Musikdramatiker nicht in der devoten Verehrerhaltung eines wundergläubigen Jüngers. In seinem Bändchen entwirft er mit Humor, Witz und Ironie, mit scharf geschliffener Feder und ohne Rücksicht auf tradierte Heiligtümer ein Bild von Wagners Leben und Schaffen, das wie in einem Kaleidoskop in immer neuen, unerwarteten Facetten aufscheint, mal zum Schmunzeln reizt, mal zum Widerspruch, stets aber – Offenheit vorausgesetzt – das Vergnügen eines spannenden Leseabenteuers beschert. Anregend für Gourmets wie für Kostverächter.
Wagner ohne goldenen Nimbus, vom Sockel geholt und auf Augenhöhe gestellt. Einerseits gewinnt der Autor unkonventionelle Einsichten, indem er Werk und Vita als Einheit würdigt, andrerseits indem er die Stationen aufzeigt, wie Wagners Privatmythologie zum Mythos der Deutschen wurde und wie sein Werk unter den herrschenden Bedingungen – vom Dresdener Volksaufstand 1849 über Ludwig II. und den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart – gedeutet, annektiert und instrumentalisiert wurde.
Den globalen wagnerschen Weltentwurf deckt Brüggemann auf in den Besprechungen der wichtigsten Opern, zentral in der «Ring»-Tetralogie («die große Soap-Opera»). Er beschreibt Wagners Individualphilosophie und deren Quellen (Schopenhauer, Hegel, Schelling, Feuerbach), seine künstlerischen Vorbilder und einflussreichen Zeitgenossen, erläutert die Auswirkungen der politischen und sozialen Konstellationen sowie der Frauen auf Leben und Werk. Eigene Essays sind der Rezeption von Wagners Opern, insbesondere in Bayreuth, durch Regisseure, Bühnengestalter und Dirigenten gewidmet.
«Richard Wagner schleppt, wie kaum ein anderer, die deutsche Geschichte mit sich, die sich in seinen Werken ansammelt. Seine Opern sind der Soundtrack der Nation, […] in Kunst gegossenene Geschichte, die inzwischen wieder zur perfekten Repräsentationsfläche des nationalen Bewusstseins und seiner gesellschaftlichen und politischen Eliten geworden ist», resümiert Brüggemann.
Deutschland. Ein Wagnermärchen? (ws)
Axel Brüggemann: Wagners Welt oder Wie Deutschland zur Oper wurde. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2006. 190 Seiten. € 19,95. Fr. 35.90. Bei Amazon kaufen