17.11.2006 — O Schreck, lass nach! Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist; Die ganze Welt ist himmelblau; Mein Liebeslied muß ein Walzer sein; Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein; Im «weißen Rössl» am Wolfgangsee. Und dort überdies in der Rolle des Deus ex machina der alte Kaiser Franz Joseph. – Texte und Musik hat man im Ohr (die Handlung vergessen), und auf der Hand liegt die Reaktion: eine Operette aus der Fabrik von Schnulz, Kitsch & Co.
Ein idealer Ausgangspunkt, um sich den neuen Musik-Konzepte-Doppelband vorzunehmen, der sich mit verschiedenen Aspekten des dreiaktigen Singspiels «Im weißen Rössl» befasst. Zur Diskussion stehen nicht das biedere Remake der Nachkriegszeit und die seichten Verfilmungen von 1952 und von 1960 (mit Peter Alexander), sondern die 1930 in Berlin auf die Bühne gebrachte Urfassung, deren Vorgeschichte, internationale Rezeption und die Nachwehen bis zur fulminanten Wiederentdeckung durch die schrille Produktion von Bar jeder Vernunft, Berlin, im Jahr 1994. Sie brachte eine Benatzky-Wiederentdeckung in Gang.
Die Suche nach der kabarettistischen selbstironischen Vorkriegsfassung gerät zur spannenden Erforschung des Werks, der daran Beteiligten, auch der Zeitumstände, der künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen. Produzent Erik Charell beauftragte Ralph Benatzky, Robert Stolz, Bruno Granichstaedten und Eduard Künneke mit der Musik; Robert Gilbert schrieb die Liedtexte.
Der einleitende Beitrag von Norbert Abels stellt Robert Gilbert vor, der Gesangstexte zu rund sechzig Operetten und hundert Filmen verfasste. Kevin Clarke beleuchtet im Interview mit Inge Jens, Herausgeberin der Thomas-Mann-Tagebücher und der Diarien von Ralph Benatzky, die Persönlichkeit des Komponisten anhand von Tagebucheinträgen. Den nach 1930 entstandenen Kammeroperetten Benatzkys und ihren Beziehungen mit der französischen Opérette légère widmet sich Ralf Waldschmidt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Rivalen Benatzky und Stolz deckt Eugen Semrau auf.
Erik Charell, Tänzer, Regisseur und Arrangeur, steht im Zentrum der Würdigung seiner künstlerischen Leistungen und seiner Revueoperetten durch Marita Berg. Kevin Clarke widmet sich in seinem Beitrag zur Aufführungspraxis des «Weißen Rössl» der Rezeptionsgeschichte, den Miss- und Umdeutungen, den Einspielungen und Verfilmungen. Die abenteuerliche Reise des «White Horse-Inn» durch die englischsprachige Welt schildert Richard Norton. Den Stars von Charells «Rössl»-Inszenierung von 1930 im Grossen Schauspielhaus Berlin, ihren Karrieren vor 1933 und ihren Schicksalen im Schatten des Dritten Reichs geht Jens-Uwe Völmecke nach. Manuel Brug und die «Geschwister Pfister» Christoph Marti und Tobias Bonn diskutieren über das «Weiße Rössl» und die legendäre Aufführung von 1994 an der Berliner Kabarettbühne. Die Abstracts, Bibliografische Hinweise, eine Zeittafel zum «Weißen Rössl» und biografische Notizen der Autorin und Autoren beschliessen den Band.
Die Lektüre legt in vielen Einblicken und Schichten offen, warum «Im weißen Rössl» eines der erfolgreichsten Theaterstücke des 20. Jahrhunderts war. Und aus welchen Gründen es immer noch – oder wieder neu – unverstaubt und aktuell ist. (ws)
«Im weißen Rössl». Zwischen Kunst und Kommerz. Reihe Musik-Konzepte, Band 133/134. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. VIII/2006, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 192 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. € 22,–. Fr. 38.60. bei Amazon kaufen