27.11.2006 — Vor einem Jahrhundert revolutionierte er das Verständnis von Raum und Zeit, der damals 27-jährige, als technischer Experte dritter Klasse am Berner Patentamt tätige Albert Einstein. Mit seiner speziellen Relativitätstheorie veränderte er das physikalische Weltbild grundlegend. Publikationen und Ausstellungen haben im vergangenen und in diesem Jahr die Leistungen des genialen, 1921 für seine Beiträge zur Quantentheorie mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Physikers in helles Licht gestellt. Auch oder gerade weil die meisten seinen Gedankengängen und Schlüssen nur insoweit folgen können, als sie «E-gleich-m-c-Quadrat» ihrem Zitatenschatz einverleibt haben, besetzt der wirrfrisurige schnurrbärtige Professor weltweit den Rang einer Pop-Ikone. Was ihn, den 1955 in den USA mit 76 Jahren Verstorbenen, zudem sympatisch macht und verbreitetem menschlichem Mass zugänglich, war die im Elternhaus früh erwachte Liebe zur Musik, zum intensiven, gar leidenschaftlichen Umgang mit Geige und Bogen.
Gibt es Verbindungen zwischen Theoretischer Physik und Musik? Kaum, denn das Eine bedeutete für Einstein harte Denkarbeit, das Andere war ihm, der auch Klavier spielte, Erholung und Lebenselixir, bot dem Wissenschafter Möglichkeiten zum Kontakt mit berühmten Interpreten, zum Spielen von Duowerken, Trios und Quartetten.
Wer denkt, dass Einstein, der radikale Avantgardist, sich für zeitgenössische Kompositionen und deren Schöpfer interessierte, irrt. Seine enge Klangwelt war die Barockmusik, war Schubert, doch im Besonderen Mozart. Den Rest fand er der Auseinandersetzung nicht wert.
Einsteins Beziehungen zur Musik und zu Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit widmet sich das von Ivana Rentsch, Assistentin am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich, und Anselm Gerhard, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Bern, herausgegebene Buch. Sein Titel «Musizieren, Lieben – und Maulhalten!» zitiert Einsteins Antwort auf eine Umfrage im Schubert-Gedenkjahr 1928. Grosse Musik, so der Vordenker in der Physik, könne man nicht analysieren – basta!
In den sieben Beiträgen dieser Publikation, die auch um Einsteins Kontakte zum Judentum und zum Zionismus und um die Verantwortung des Wissenschafters kreisen, wird trotz des Meisters kurioser Meinung erforscht, analysiert und interpretiert.
Hans-Joachim Hinrichsen rückt die musikalische Bildung als Symptom jüdisch-deutscher Akkulturation im Kaiserreich am Beispiel Einsteins und dessen Familie in den Mittelpunkt seines Beitrags. Ivana Rentsch befasst sich mit Einsteins Bekanntschaft mit Bohuslav Martinu; Albrecht Riethmüller erörtert die Briefe Arnold Schönbergs an Einstein. Dessen Einsatz für das musiktheatralische Bühnenstück «The Eternal Road» («Der Weg der Verheissung») mit Musik von Kurt Weill beleuchtet Nils Grosch.
Den vorgeblichen Verwandten Alfred Einstein, den renommierten Musikologen, porträtiert Anselm Gerhard. Musikalisches aus dem Albert-Einstein-Archiv der Hebräischen Universität Jerusalem trägt Barbara Wolff bei. Einsteins Rolle in der modernen Oper erläutert Arnold Jacobshagen anhand der Einstein-Kompositionen von Paul Dessau (1974), Philip Glass (1976) und Dirk D’Ase (2004).
Das Buch, das die Aufmerksamkeit auf viele bisher unbeachtete biografische Fakten oder unpublizierte Dokumente, auf manche durch die gleiche Religion oder gemeinsames Musizieren geknüpfte persönliche Beziehungen lenkt, widerspiegelt Einsteins Wesen und Denken auf vielfältige Weise und setzt an die Stelle populärer Legenden neue Erkenntnisse und bedenkenswerte Einsichten. (ws)
Ivana Rentsch / Anselm Gerhard (Hrsg.): Musizieren, Lieben – und Maulhalten! Albert Einsteins Beziehungen zur Musik. Schwabe Verlag, Basel 2006. 144 Seiten. Mit 17 Abbildungen. € 26,50. Fr. 38.–. bei Amazon kaufen
siehe dazu auch den Codex-flores-Tagungsbericht