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Reclams Kirchenmusik- und Konzertführer

03.01.2007 — Während über eineinhalb Jahrtausenden war Latein weltweit die Hauptsprache der römisch-katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) brachte die Einführung der Volkssprache in den Gottesdienst, was eine Marginalisierung des Lateinischen nach sich zog. Dem gregorianischen Gesang und der seit dem Mittelalter für die Liturgie komponierten lateinischen Musik war damit weitgehend der Boden entzogen; sie verschwand bis auf wenige Ausnahmen aus dem Dienst in der Kirche, verlagerte sich in ausserliturgische Bereiche, ins Konzertleben, in die Aufnahmestudios. Und, nicht zu vergessen, im Zeichen der historisch informierten Aufführungspraxis rückte sie stärker ins Interesse von Vokalsolisten, Chören, Ensembles, Dirigenten und Labels.

Was früher Allgemeingut der katholischen Gläubigen war, ist heute in der Regel nur noch Musikinteressierten gut bekannt: der Wortlaut des Ordinarium Missae und des Requiem, die Texte von Te Deum, Stabat Mater oder von Vespergebeten.

Diesem Mangel schafft Michael Wersin, Musikwissenschaftler, Sänger und Chorleiter, Dozent in St. Gallen und München, in seinem im Reclam-Verlag herausgekommenen Führer zur lateinischen Kirchenmusik Abhilfe. Jeder der sieben Hauptteile – Messordinarium, Totenmesse, Lamentationen und Responsorien der Karwoche, Stabat Mater, Te Deum, Musik für die Vesper, Messproprium – ist eingeleitet durch grundlegende, auf die wichtigsten Aspekte konzentrierten Informationen und Überlegungen zu den Textvorlagen, ihren Quellen, musiktheoretischen und historischen Entwicklungen, der liturgischen Funktion.

Die Konzentration auf die lateinische Kirchenmusik unter Ausschluss von nichtliturgischen Werken wie Motetten und Passionen ermöglichte es dem Autor, neben dem zentralen Bestand viele Kompositionen weniger bekannter Meister zu berücksichtigen sowie Vertonungen von Lamentationen und Responsorien der Karwoche, Stundengebeten (Vespern) und den veränderlichen Teilen der Messe (Proprium Missae). Nicht zuletzt die Gründlichkeit und Breite der Darstellung, inbegriffen die Erläuterungen des theologischen Gehalts und wichtiger Ereignisse der Kirchengeschichte, sichert dem handlichen Nachschlage- und Lesebuch Gewicht und Rang.

Zudem: Die einlässlichen, auf viele Details wie Choralvorbilder, Parodievorlagen und Kompositionstechniken, stilistische Besonderheiten, Satzstruktur, harmonische Verläufe und rhythmische Muster hinweisenden Einzelbesprechungen fügen sich zu einem informationsdichten Überblick über die Gattungen, Stationen und Traditionen, über den Wandel der liturgischen Aufführungspraxis lateinischer Kirchenmusik vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart.

In chronologischer Fortschreitung vom 14. Jahrhundert bis zum Ende des 20. stellt Michael Wersin mehr als 150 Komponisten vorab europäischer Herkunft und über 400 Werke dar. Auf Notenbeispiele wurde verzichtet. Die Gliederung des Inhalts nach Gattungen bringt es mit sich, dass die besprochenen Werke eines Komponisten in verschiedenen Teilen des Buchs zu finden sind; ein die Kompositionen enthaltendes Namenregister sorgt für bequemes Nachschlagen.

Im Anhang finden sich die lateinischen Texte der besprochenen Werke samt ihrer wörtlichen Übersetzung, eine Liste von CD-Empfehlungen des Autors und Fachworterklärungen.

Reclams Konzertführer. Orchestermusik

Ein bewährtes Kompendium hat bereits die 18. Auflage erreicht: Reclams Konzertführer zur Orchestermusik, erstmals 1952 vorgelegt durch Hans Renner. Eine grundlegende Neufassung hatte die 16. Auflage durch die Professoren Arnold Werner-Jensen (vom Barock bis Mitte 19. Jahrhundert) und Klaus Schweizer (bis Gegenwart) erfahren.

Die neue, erweiterte Auflage ist nun in biografischen Daten aktualisiert und um Namen und Werke einer jüngeren, im Konzertleben des ausgehenden 20. Jahrhunderts erfolgreichen Generation ergänzt worden: Emmanuel Nunes, Peter Eötvös, Gérard Grisey, Salvatore Sciarrino, Kaija Saariaho, Isabel Mundry, Olga Neuwirth, Thomas Adès und Jörg Widmann.

Die Entdeckungsreise zu Komponisten und ihren Werken (Orchester, z. T. mit Singstimmen und Chor, Instrumentalkonzerte) beginnt Ende des 16. Jahrhunderts, führt durch Kulturlandschaften mit ihren Besonderheiten und Entwicklungen, verweilt bei herausragenden Meistern (die ersten sind Vivaldi, Telemann, Händel und Bach), denen jeweils ein eigenes Porträt gewidmet ist mit Biografie, Verzeichnis der Werke für Orchester, Charakterisierung des Schaffens und einlässlichen Würdigungen der zentralen Kompositionen mit Notenbeispielen. Ein weiterer Pluspunkt: Den dem 20. Jahrhundert zugerechneten Komponisten sind über 400 Seiten – mehr als ein Drittel des Umfangs – vorbehalten. Gut erschlossen ist das Handbuch durch das Namenregister mit Verzeichnis der besprochenen Werke. (ws)

Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik. Von Michael Wersin. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2006. 527 Seiten. € 29,90. Fr. 52.20. bei Amazon kaufen

Reclams Konzertführer. Orchestermusik. Von Klaus Schweizer und Arnold Werner-Jensen. Mit 366 Notenbeispielen. 18., aktualisierte und erweiterte Auflage. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2006. 1159 Seiten. € 22,90. Fr. 40.10. bei Amazon kaufen

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