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Klaus Miehlings «Gewaltmusik Musikgewalt»

31.07.2007 — Unter orthodoxen Liebhabern der klassischen Musik finden sich immer wieder selbst ernannte Mahner, die populäre Musikformen im Allgemeinen und das, was ins weite Feld von Sex, Drugs & Rock’n’Roll eingeordnet werden kann, als Symbol von Wertezerfall und Verrohung sehen. So weit wie der deutsche Cembalist Klaus Miehling ist allerdings bislang noch kaum einer gegangen. Der Musikwissenschaftler denunziert in dem Buch «Gewaltmusik Musikgewalt» quer über den Kamm geschert Pop, Jazz, Rock, R’n’B, Techno, Fahrstuhlmusik und selbst die Neue Musik in der Tradition der europäischen Kunstmusik als «Gewaltmusik» – Musik, die gewollt oder ungewollt Gewalt ausübt und ergo zum Verstummen gebracht werden muss. Die Tatsache, dass der Musikwissenschaftler mit seinem missionarischen Pamphlet nur mit Mühe einen Verlag gefunden hat, hat allerdings vermutlich einen andern Grund: Abgeschreckt haben dürfte Verleger, die um den verkaufsfördernden Wert von Provokation und Kontroverse wissen, wohl eher der barocke Umfang und die satztechnisch aufwendigen Zitateorgien und Schwarzen Listen des Textes.

Das knapp 700 Seiten zählende Buch versucht die These zu belegen, wonach sich Musik «in eine gute (menschliche, moralische, konstruktive, positive) und ein böse (unmenschliche, unmoralische, destruktive, negative) Hälfte» einteilen lässt (13), auch wenn die Grenzen eingestandenermassen unscharf seien – ein Unternehmen, das an die Thesen des konservativen britischen Musikästhetikers Roger Scruton erinnert (siehe Codex flores Rezension). Darüber, wo die «gute» Musik zu orten ist, lässt Miehling denn auch keine Zweifel: «Wer mit der Komplexität klassischer Musik vertraut ist, der wird Gewaltmusik schon wegen ihrer künstlerischen Minderwertigkeit kritisch sehen.» (610). Alles ausser klassischer Musik birgt laut Miehling überdies drastische Gefahren. Kinder und Jugendliche, die Gewaltmusik hören, meint der Autor, neigen dazu, Leistung zu verweigern, frühzeitigen oder promiskuitiven Sex zu haben, Drogen im Übermass zu konsumieren sowie aggressiv, gewaltätig und straffällig zu werden (603).

Der beiläufigen Charakterisierung der schwimmenden Grenze mutet etwas unfreiwillig Komisches an: «Der Begriff Gewaltmusik», so Miehling, «ist indes nicht völlig deckungsgleich mit ,U-Musik’. Zum einen gibt es U-Musik, der man schwerlich den Vorwurf der Gewaltsamkeit machen kann, etwa im Bereich der sogenannten Liedermacher (soweit sie nicht in aggressivem Tonfall singen und/oder auf ihrer Gitarre herumtrommeln), zum andern können auch Werke der E-Musik ein gewisses Gewaltpotential beinhalten: Werke der sogenannten Avantgarde nämlich, d.h. der sich an der jeweiligen Spitze der musikalischen Entwicklung fühlenden Arten neuer Musik seit dem frühen 20. Jahrhundert.» (24)

Miehlings Beweisführung zu dieser nicht gerade fein gekerbten Klassifikation wirkt denn auch eher unkonventionell, um nicht zu sagen abenteuerlich. Im Grossen und Ganzen stützt sie sich auf drei, methodisch allesamt untaugliche Strategien:

  • Eine Überfülle an Zitaten soll kraft ihrer schieren Masse die Verderbtheit aller Vertreter populärer Musik nachweisen. Kontext und Herkunft der Texte kritisch zu hinterfragen oder die Glaubwürdigkeit und das Niveau der Quellen zu gewichten, scheint dem Autor verzichtbar. Meinungen werden zu Tatsachen, Ironie wird zu Klartext und blankes Gefasel wird in den hehren Stand eines gewichtigen Zeugnisses gehoben.
  • Für ebensowenig nötig hält Miehling die Kontrolle, ob Ereigniskorrelationen, die sich aus dem derart präsentierten Zitatematerial scheinbar ableiten lassen, tatsächlich kausaler Natur sind oder bloss parallel auftreten, ohne sich gegenseitig zu bedingen. Dies lässt sich angesichts der Überfülle des Materials bloss anekdotisch illustrieren. So zieht Miehling etwa eine mehr oder weniger direkte Verbindung von Technokonsum zur Tatsache, dass die deutschen Neigezüge sich nicht mehr neigen und das Toll-Collect-Mautsystem versagt hat (54), oder sieht den Grund für die Zunahme des Analphabetismus in den USA in der Idealisierung von HipHop-Grössen (52).
  • Schliesslich blendet Miehling konsequent alles aus, was seiner kruden Werteklassifikation der Musik widersprechen oder auch bloss ein differenzierteres Bild zeichnen würde.


Wie unbedarft Miehling methodische Fragen angeht, zeigt überdies das Kapitel «Empirische Beweise» (398), das auch wieder nichts anderes bringt als Zitate. Aus diesen lernt der Leser etwa, wie ein 26-jähriger Fernsehjournalist oder eine 15-jährige Schülerin über den Zusammenhang von HipHop, Heavy Metal und Jugendprobleme denken. Interessant ist dabei, dass Miehling einerseits behauptet, Zeugen solchen Kalibers hätten durch falschen Musikkonsum ihre Urteilsfähigkeit eingebüsst, ihre Meinungen aber unbesehen als Tatsachenberichte anführt, sobald sie seine Diagnosen stützen.

Man fragt sich, woher Miehling die Zeit nimmt, sich derart akribisch mit den unzähligen, doch eher unappetitlichen Provokationen und Anekdoten aus dem Rock- und Poplager zu beschäftigen. Die Obsession mit dem als verachtenswert klassifizierten Material erinnert an die denunziatorische Hartnäckigkeit, die in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Pornojägern eigen war. Spuren scheint die Fixierung auf das Thema hinterlassen zu haben, wirkt der Text des Buches mit seinen asthmatischen, endlos anmutenden Repetitionen, Listen, Zitatefetzen und wilden Schnitten fast schon selber wie ein nervöses MTV-Musikvideo.

Die immer wieder beschworene Differenziertheit der Argumentation wird von einem aufwendig erstellten Anhang mit Glossar, detaillierter, aber überaus polemischer Timeline und einem nicht minder akribischen Namensverzeichnis scheinbar unterbuttert. Allerdings fechtet Miehling bloss oberflächlich mit feiner Klinge. Wirklich auseinandergesetzt hat er sich mit den meisten von ihm als jugendgefährdend diskreditierten Musikstilen offensichtlich nicht. So versagt der feine Kunstsinn, den er sich selber als Kenner und Liebhaber der klassischen Musik zuerkennt, auf dem ihm unvertrauten Terrain. Urteile werden da eher mit dem Zweihänder gefällt. In der Charakterisierung des Jazz kommt er etwa nicht über die kolportierte Anekdote hinaus, dass Charles Bolden, der angebliche Urvater des Jazz, zu improvisieren begonnen habe, weil er als Schizophrener zu nichts Besserem fähig war (113). Ähnliches gilt für andere Stile. (wb)

Klaus Miehling: Gewaltmusik Musikgewalt, Populäre Musik und die Folgen, mit einem Geleitwort von Ludger Lütkehaus, Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3394-9.

Leserbriefe

 

Klaus Miehlings «Gewaltmusik Musikgewalt»
Buch-Rezension vom 31.07.2007

Zur Rezension meines Buches «Gewaltmusik – Musikgewalt» Ihres Autors wb möchte ich folgende Stellungnahme abgeben: In der Begründung meiner Thesen stütze ich mich, so schreibt Ihr Autor, «auf drei, methodisch allesamt untaugliche Strategien»: Eine «Überfülle an Zitaten», eine fehlende «Kontrolle, ob Ereigniskorrelationen […] tatsächlich kausaler Natur sind» sowie das Ausblenden von allem, was meiner «Werteklassifikation der Musik widersprechen oder auch bloss ein differenzierteres Bild zeichnen würde.»

  1. Belege in Form von Zitaten sind eine in den Geisteswissenschaften übliche Methode. Der Autor kritisiert, ich würde darauf verzichten, «die Glaubwürdigkeit und das Niveau der Quellen zu gewichten», indes ohne selbst Belege für die mangelhafte Glaubwürdigkeit bestimmter Quellen beizubringen. Die meisten der Zitate stammen von der Gewaltmusik positiv gegenüberstehenden Autoren oder Gewaltmusikern selbst; wenn sie – gegen das eigene Interesse – meine These von der Schädlichkeit dieser Musik stützen, spricht das für ihre Glaubwürdigkeit. Auch Interviews in anerkannten Musikzeitschriften und Meldungen in seriösen Nachrichtenportalen im Netz dürften als glaubwürdige Quellen einzustufen sein; insbesondere wenn es keine anderslautenden Meldungen bzw. Dementi gibt. Zusammenfassende Überblicksuntersuchungen wie die meine müssen zwangsläufig auf der Arbeit anderer Autoren aufbauen. Wenn ich diese nicht widerlegen kann, habe ich deren Ergebnisse zu respektieren. Das gilt auch für Ihren Autor.
  2. Entgegen der Behauptung des Rezensenten habe ich mich in dem Buch selbstverständlich mit der Frage der Kausalität beschäftigt; vor allem im Kapitel 3.1. «Gewaltmusik als Ursache?».
  3. Das Thema des Buches sind die schädlichen Wirkungen populärer Musik. Es entsprach schlicht nicht dem Thema, eventuelle positive Wirkungen zu beschreiben. Unkritische Befürworter dieser Musik gibt es zuhauf. Somit ist ein kritisches Buch ein notwendiges – und immer noch viel zu schwaches – Gegengewicht. Im übrigen habe ich Gegenpositionen durchaus zu Wort kommen lassen, die freilich leicht zu widerlegen waren. Auch habe ich beispielsweise die Studie von Rentfrow/Gosling erwähnt, die Countryhörern emotionale Stabilität und Jazzhörern Intellektualität bescheinigt (S. 414). In der Tat gibt es aber offenbar kaum Fakten oder Untersuchungsergebnisse, die gegen meine Position sprechen. Auch der Rezensent hat keine angeführt.
  4. Eine weitere Begründung meiner Thesen verschweigt der Rezensent: Die psychologischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die im o.g. Kapitel 3.1. vorgestellt werden. Sie belegen nämlich, dass die «Ereigniskorrelationen […] tatsächlich [auch] kausaler Natur sind».

Falsch ist die Aussage des Rezensenten, ich würde behaupten, «Zeugen dieses Kalibers [er nennt einen Fernsehjournalisten und eine Schülerin] hätten durch falschen Musikkonsum ihre Urteilsfähigkeit eingebüsst». Das Wort «Urteilsfähigkeit» dürfte im ganzen Buch nicht vorkommen. Gewiss werden die meisten Gewaltmusikkonsumenten aus Voreingenommenheit und «Betriebsblindheit» die Folgen der Musik nicht erkennen; wenn aber einige trotzdem die schädlichen Wirkungen bemerken, ist das um so mehr ernstzunehmen.

Meine Argumentation setzt sich aus mehreren sich gegenseitig ergänzenden und erklärenden Indizien- und Beweisgruppen zusammen. Der Rezensent kritisiert gewissermassen einzelne Bausteine als unzureichend (wobei er den wichtigen Baustein «wissenschaftliche Untersuchungen» verschweigt), ohne zur Kenntnis zu nehmen, welches Bild sie zusammengesetzt ergeben.

Abschliessend möchte ich darauf hinweisen, dass das Buch im Oktober 2006 auf Rang 4 der von 26 Juroren erstellten Sachbuch-Bestenliste war. Dort wäre es kaum hingekommen, wenn die Vorwürfe des Rezensenten zuträfen.

 
  Dr. Klaus Miehling
79102 Freiburg

 

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