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Neuweiler/Ligeti: «Motorische Intelligenz»

31.10.2007 — In der Berliner Villa Jaffé findet sich das Wissenschaftskolleg der Stadt, das laut Eigendeklaration international anerkannten Gelehrten, vielversprechenden jüngeren Wissenschaftlern sowie Persönlichkeiten des geistigen Lebens die Möglichkeit gibt, sich frei von Zwängen und Verpflichtungen für ein Akademisches Jahr auf selbstgewählte Arbeitsvorhaben zu konzentrieren. Die rund 40 Fellows bilden eine Lerngemeinschaft auf Zeit, die durch Fächervielfalt, Internationalität und Interkulturalität gekennzeichnet ist. In dieses «Institute for Advanced Study» haben sich um die Jahrtausendwende auch der Neurobiologe Gerhard Neuweiler und der Komponist György Ligeti zurückgezogen. Ob Zufall oder nicht, die beiden bewohnten benachbarte Appartements und stellten auf gemeinsamen Spaziergängen bald einmal fest, dass ihre Interessensgebiete sich an einem wichtigen Punkt trafen − der Frage nämlich, welche Rolle die motorischen Fähigkeiten für die Eigenheiten der menschlichen Existenz, respektive für die Kreativität haben.

Neuweiler hat sich als Wissenschaftler mit der nicht unumstrittenen Theorie einen Namen gemacht, dass es in erster Linie die motorischen Fähigkeiten des Sprechens und der Fingerfertigkeit sind, die den Menschen vom Tier unterschieden und ihn zu hohen kulturellen und zivilisatorischen Leistungen befähigen. Und Ligeti hat sich in seinem Werk immer wieder mit den Abhängigkeiten musikalischer Strukturen von den Eigenheiten des menschlichen Körpers auseinandergesetzt. Überdies waren ihm die grossen Entwürfe der Geisteswissenschaften immer suspekt. Die Genauigkeit des Denkens und die empirische Fundierung allen Wissens zogen ihn zeitlebens hin zu den grossen Exponenten der Naturwissenschaft.

Die Begegnung dokumentiert der überaus geschmackvoll und ansprechend gestaltete, von Reinhart Meyer-Kalkus herausgegebene Band «Motorische Intelligenz − Zwischen Musik und Naturwissenschaft» mit Texten Neuweilers, Ligetis und des Herausgebers selber. Der Neurobiologe entwirft in einem detaillierten und sehr anspruchsvollen Essay die Grundzüge seiner eigenen Theorie. Von Ligeti finden sich zwei Reden. Die erste stammt von der Verleihung des Balzan-Preises 1991 und ist bereits in der Neuen Zeitschrift für Musik abgedruckt worden (Ausgabe 154, Nr.1, 1993). Die zweite, eine überaus anrührende biografische Schilderung der bewegten politischen und künstlerischen Umstände seines Werdegangs, hat Ligeti anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises 2001 gehalten. Sie wird hier − in der Übersetzung von Monika Lichtenfeld − erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Abgeschlossen wird der Band von der Rede, die Gerhard Neuweiler am 26. Juni 2006 an der Wiener Trauerfeier für Ligeti gehalten hat, sowie einem Nachwort des Herausgebers.

Neuweilers Einführung ins Konzept der motorischen Intelligenz geht weit in die physiologischen und anatomischen Details der körperlichen Vorgänge hinein, diskutiert eingehend die Bedeutung von Rückkoppelungsmechanismen zwischen Hirn und Bewegungen in Kehlkopf und Fingern und widmet sich (33) auch der Frage, ob man das Gen FoxP2 wirklich als «Sprachgen» bezeichnen kann (laut Neuweiler ist es dies nicht − es handle sich bloss um ein mutlifunktionales Transkriptionsgen). Seine Schlussfolgerung ist jedoch eindeutig (34): Die «einzigartige motorische Intelligenz, dingfest gemacht in den prämotorischen Cortices SMA und Broca-Area und gekennzeichnet durch die Fähigkeit, Handlungselemente in prinzipiell unendlicher Variation zu beliebig langen, sich verzweigenden Ketten zusammenzufügen, ist der Schlüssel zur Menschwerdung».

Eine direkte Verbindung der Konzepte Neuweilers zu den Arbeiten und Texten Ligetis findet sich nicht, denn im Grunde genommen interessiert den Komponisten ein Aspekt der Motorik, der die Rückkoppelungen zwischen Hirn und Willkürmotorik nicht direkt berührt. Ihn faszinieren − etwa in der Beschäftigung mit afrikanischer Musik − wie körperliche Bewegungsmuster, zum Beispiel versetzt auf ein Xylophon schlagende Spieler, komplexe melodische und rhythmische Gestalten erzeugen, die sich zur Illusion akustischer Ganzheiten zusammenfügen. Praktisch durchgespielt hat dies Ligeti selber in Werken wie dem berühmten «Continuum» für Cembalo. Die Virtuosität der Hände verbindet sich da «mit einem Spiel von illusionären Bewegungsmustern und stroboskopartigen Bildern, die aus den Klangstrudeln aufblitzen» (89).

Alles in allem ist der Band als Dokument einer ungewöhnlichen intellektuellen Bewegung aber überaus inspirierend. Dank der sorgfältigen bibliophilen Kultur des Wagenbach-Verlages bietet er auch ein ästhetisch überdurchschnittliches Vergnügen. (wb)

György Ligeti, Gerhard Neuweiler: Motorische Intelligenz − Zwischen Musik und Naturwissenschaft, Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2007, 112 Seiten, ISBN 978 38031 5175 9.

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