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Bachs Orgelbüchlein

24.11.2007 — Griffbereit liegt es auf der Orgelbank, Johann Sebastian Bachs «Orgelbüchlein». Kein Weg führt daran vorbei, nicht für «anfahende» noch für bestandene Organisten, auch nicht für Verehrer des Meisters und der Orgelmusik.

Mit dieser Sammlung von 45 kurzen Choralvorspielen, die Bach zwischen 1708 und 1717 in Weimar niederschrieb, demonstrierte er einerseits verschiedene Möglichkeiten der Bearbeitung von Choralmelodien (einschliesslich der Ausformung des Textinhalts und dessen Atmosphäre) und schuf andrerseits ein massgebendes Unterrichtswerk für das Erlernen des unabhängigen Spiels von vier kontrapunktischen Stimmen mit obligatem Pedal.

Auch was Musikfreunden vertraut, Orgelspielenden Pflichtrepertoire ist, entzieht sich näher besehen problemlosem Zugang. Sven Hiemke, Professor für Historische Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und Stellvertretender Direktor im Bach-Institut Göttingen (er hat 2003 eine Bärenreiter-Werkeinführung zu Beethovens «Missa solemnis» vorgelegt – siehe Codex-flores-Rezension), vertieft sich in seiner jüngsten Publikation in Erscheinung und Wesen der Sammlung und geht mit zuweilen detektivischem Spürsinn beharrlich, kritisch und offen den Fragen und Rätseln des Orgelbüchleins nach: Eine grundlegende, historisches Wissen und neue Erkenntnisse zusammenführende, an Einzelaspekten reiche Würdigung der wichtigsten Orgelchoralsammlung.

Im einleitenden Teil («Ein Werk aus Weimar») geht Hiemke Entstehung und Datierungsfragen sowie Vorbildern der unterschiedlichen satztechnischen Modelle nach. In vier Thesen formuliert er im 2. Teil («Funktionen») die Absichten, die Bach mit diesen konzentriert gefassten Choralvorspielen verfolgen mochte. Im Anhang findet sich dazu eine Konkordanztabelle mit den 164 geplanten Choralbearbeitungen in der Reihenfolge des Autographs samt hypothetischer Einteilung der Kompositionsphasen.

Im Teil 3 («Kommentare») analysiert der Autor mit Hilfe vieler Notenbeispiele jedes einzelne der 45 Choralvorspiele, wobei er detailliert auch Bachs Kunst aufdeckt, die Textaussage und deren emotionale Stimmung umzusetzen – zum besseren Verständnis dieser Zusammenhänge sind die Choraltexte mit allen Strophen aus dem Weimarer Gesangbuch von 1713 den Einzelkommentaren vorangestellt.

Einen Überblick über die Wirkungsgeschichte des Orgelbüchleins gibt Hiemke im abschliessenden 4. Teil («Aspekte der Rezeption»); zur Darstellung bringt er auch Editionsgeschichtliches, Transkriptionen und kompositorische Aneignungen. (ws)

Sven Hiemke: Johann Sebastian Bach – Orgelbüchlein. Mit Abbildungen, Notenbeispielen und tabellarischen Darstellungen. Bärenreiter Werkeinführung. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2007. 259 Seiten. € 19,95. Fr. 35.90.

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