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Jean Sibelius – «Poesie in der Luft»

05.01.2008 — Bedürfte es eines Beweises, dass das weniger Wichtige ganz und gar nicht immer in den Anhang abgeschoben oder in die Fussnoten versenkt wird, dieser Band würde ihn mit Bravour liefern.

Die am Schluss des Buchs platzierte umfangreiche Chronologie zu Sibelius’ Leben und seinem Schaffen (das hie und da auf historische Ereignisse Bezug nimmt) setzt ein mit dem Jahr 1155 und endet mit dem Todesjahr des Komponisten 1957. In dieser Zusammenstellung von Daten, Namen, Ereignissen und Schöpfungen aus allen Bereichen der Kunst, aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft ist die weite Perspektive eingefangen, die Tomi Mäkelä in seinen «Studien zu Leben und Werk» des finnischen Musikers ausbreitet. So verstanden, wäre der optimale Platz für die Chronologie am Anfang des Bandes, zur Einstimmung in die Intentionen des Autors.

Und: Nur wenige der über 500 Seiten sind frei von Fussnoten (nicht selten nehmen sie bis zu einer halben Druckseite ein). In diesem Anmerkungsapparat brachte Mäkelä allerdings nicht Nebensächlichkeiten unter, vielmehr enthalten sie einen substantiellen Zweittext, quasi ein paralleles Studienwerk über sich verzweigende thematische Nebenstränge.

Kaum erstaunlich, dass die Lektüre, besser: das Studium der «Poesie in der Luft» trotz stilistischer Klarheit durch die Fülle und Konzentration des Stoffs, dessen essayistische Aufbereitung, die breite Umsicht und die Gründlichkeit der Analysen erhebliche Anforderungen an die Lesenden stellt. Mäkelä übernimmt Tradiertes nicht unbesehen und ungeprüft, deckt dabei bisher Unbeachtetes auf, fördert Einsichten in neue Zusammenhänge, regt an durch persönliche Charakterisierungen und fundierte Beurteilung.

Damit ist auch angedeutet: Tomi Mäkeläs kenntnisreiche, sensible und tiefgründige Deutung ist ein Meilenstein der Sibelius-Forschung und ein Exempel für eine von Vorurteilen und Missdeutungen befreite Darstellung, die den grossen Finnen als modernen europäischen Künstler im Kontext seiner Zeit würdigt.

«Die vorliegende Untersuchung ist weder eine analytisch-hermeneutische Darstellung der wichtigsten Kompositionen noch eine chronologische Biographie, obwohl der Leser den aus der Sicht des Autors wesentlichen, zum Teil auch neuen Informationen zum Leben des Künstlers begegnet», umreisst Tomi Mäkelä, Professor am Institut für Musik der Universität Magdeburg und Lehrbeauftragter an der Sibelius-Akademie Helsinki, im Vorwort die Intention seiner umfangreichen Studien zu Leben und Werk von Jean Sibelius.

Den vom Autor genannten Einschränkungen zum Trotz: Er zeigt Sibelius’ künstlerische Entwicklung und die Bedeutung seines Schaffens in grossen Linien und umfassenden Zusammenhängen ebenso auf wie die massgeblichen Einflüsse und die wichtigen biografischen Lebensstationen. Grundlegend thematisiert Mäkelä die kontroverse (insbesondere die deutschsprachige) Rezeption, die das Schaffen des «bedingungslosen Individualisten der späten Moderne» gefunden hat. In Europa legte Adorno 1938 mit seiner hämischen «Glosse über Sibelius» den Grundton zur Marginalisierung des Komponisten (dessen Musik sich den herkömmlichen Mustern der Ästhetik und der Kritik entzog), während in den USA wenige Jahre zuvor in der Umfrage einer grossen Rundfunk-Station Sibelius zum berühmtesten Komponisten der Gegenwart avanciert war.

Mäkelä, der Finne, kann in seiner deutsch geschriebenen Sibelius-Monografie erstmals die Tagebücher («jardin secret») des Komponisten auswerten, zudem hat er Einsicht erhalten in manch andere bisher der Forschung entzogene Dokumente, darunter die Privatsammlung des Sibelius-Biografen Erik T. Tawaststjerna mit Briefen und Skizzen.

Der Schöpfer in seiner Welt: Dem ebenso populären wie geschmähten Bild des tumben Naturburschen, der die weite Seenlandschaft und die hehren Wälder Finnlands in pastose Klänge setzt, begegnet Mäkelä entschieden mit einer psychologisch vielschichtigen Deutung. Er charakterisiert Sibelius, der sich von den traditionellen und den aktuellen mitteleuropäischen Strömungen und Stilen in Musik (hier besonders der Romantik und Spätromantik), in Malerei und Literatur, Philosophie, Psychologie und Kunsttheorie seiner Zeit inspirieren liess, als «ein Musterbeispiel für einen bedingungslosen Individualisten der späten Moderne».

Der Würdigung von Sibelius’ Schaffen räumt der Autor breiten Raum ein durch Wesentliches herausarbeitende, nicht in Marginales sich verstrickende Analysen (Handlung, Struktur) und zeichnet dabei auch die Rezeptionslinien im Konzertleben und in der Forschung nach. «Wichtiger als Geschichten waren für Sibelius poetische Ideen und Andeutungen. Nicht das durchstrukturierte Erzählen in Wohlklängen, sondern die musikalische Gestaltung des Poetischen war seine Aufgabe.»

«Wer Sibelius wirklich verstehen will, muß bereit sein, sich mit einer komplizierten Epoche, einer im Detail kaum bekannten Region und einer sperrigen Biographie auseinanderzusetzen», hält Mäkelä gleich zu Anfang fest. Und tritt mit überzeugendem Ergebnis an gegen «die Mythen von Vorgestern und die Schatten des Zwielichts» und beleuchtet Sibelius, den «Naturmenschen», in seinen inneren Konflikten, in seinem Spannungsverhältnis zwischen Individuum und ihn umgebender Welt.

Tomi Mäkeläs Werk, Monografie, Kultur- und Stilgeschichte in einem, ist seit über vier Jahrzehnten die erste grössere originale Publikation in deutscher Sprache zu Jean Sibelius. Der opulente, mit seltenen und grösstenteils erstmals publizierten Abbildungen ausgestattete Band weist neue Wege zu einem der «Meisterverkannten» und seiner Musik. (ws)

Tomi Mäkelä: «Poesie in der Luft». Jean Sibelius. Studien zu Leben und Werk. Mit 41 Abbildungen und vielen Notenbeispielen. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2007. 512 Seiten. € 36,00. Fr. 60.90.

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