28.01.2008 — Falls der Begriff Understatement auch auf den Buchumschlag angewendet werden kann, hätte er hier seine Berechtigung: Ernst Hilmars Hugo Wolf Enzyklopädie gibt äusserlich nichts von ihrer inhaltlichen Bedeutung preis. Wer würde hinter dem bescheidenen Auftritt schon das Standardwerk der Wolf-Forschung vermuten?
Hugo Wolf (1860–1903), der innerhalb von nur zwei Jahrzehnten ein umfangreiches Œuvre schuf, insbesondere als bedeutendster Liedkomponist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, steht bis heute abseits des Interesses der Musikwissenschaft (und auch nicht im Zentrum des aktuellen Musiklebens). Zwar sind im Gefolge der Wolf-Monografien von Ernst Decsey (1906) und Frank Walker (1951) weitere Biografien publiziert worden – 1971 von Erik Werba, 1985 von Andreas Dorschel, 1988 von Kurt Honolka und 2003 von Dietrich Fischer-Dieskau und von Leopold Spitzer –, doch selbst wenn man die vorliegenden Studien und Dissertationen zu Einzelaspekten von Wolfs Schaffen einbezieht, bleibt die Ausbeute überschaubar.
Der österreichische Musikwissenschaftler Ernst Hilmar (er hat 2004 mit Margret Jestremski eine Schubert-Enzyklopädie herausgegeben) plante ein Hugo Wolf Lexikon, das sich im Lauf der Arbeit und aufgrund der Stofffülle zur vorliegenden Hugo Wolf Enzyklopädie ausgewachsen hat. Hilmars Absicht und Ziel war, die Materialien zu und über Wolf, die sich in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft haben (darunter über 2000 Briefe), in einem Band zu konzentrieren, der ausschliesslich auf Quellenstudien beruht – eine Pioniertat.
Allein die Vielfalt des auf fast 600 zweispaltig umbrochenen Seiten ausgebreiteten Materials, darunter 180 Abbildungen, heischt Respekt; erstaunen muss zudem, wie der Autor die in den über 500 Einzelartikeln behandelten Inhalte klar aufbereitet und quellenmässig penibel verankert hat. Ausserdem: Im Impressum ist klein und bescheiden vermerkt, dass Univ. Doz. Dr. Ernst Hilmar auch Layout, Satz und Bildteil gestaltet hat.
Die Artikel gliedern sich in drei Teile. Ein allgemeiner Teil (Kurzbiografie, Einleitung, Definition, Erläuterung, Hinweis auf den Inhalt des Stichworts, historischer Rückblick oder wichtige Daten beinhaltend) und Literaturhinweise in kleinerer Typografie umrahmen den auf Wolf bezogenen Abschnitt. Hauptthemen sind Biografisches und Werkbetreffendes sowie das Umfeld des Komponisten.
Viele Themen fliessen hier zusammen, charakterisieren den Künstler, den schwierigen Menschen Wolf und dessen Eigenheiten, Vorlieben, Krankheiten und seine Exzentrik, seine Selbstdarstellung, sein Selbstverständnis als Künstler und Musikkritiker, seine Reise- und Konzerttätigkeit, seine zigmal gewechselten Wohnstätten. Breiter Raum kommt dem Schaffen wie den damit verbundenen Bereichen zu (Kompositionsprozess und -zeiten, Ästhetik, Entwicklung, Fassungen, Form, Harmonik, Melodik, Instrumentation, auch die Rezeption, der Nachruhm, die Wolf-Vereine, Belletristik, Diskografie …).
Beiträge zu namhaften Persönlichkeiten aus Hugo Wolfs Umkreis, Gedanken- und Nachwelt, darunter musikalische Vorbilder, Komponistenkollegen, Philosophen und Dichter, Dirigenten, Sängerinnen, Sänger und Pianisten, Sponsoren und Verleger, Frauen, Freunde, Feinde, Musikwissenschaftler und Wolf-Forscher (ohne Eintrag zu Ernst Hilmar!) öffnen weitere Wege der Annäherung an einen Schwierigen. Und bieten zudem detailreiche Einblicke in die Kultur- und Mentalitätsgeschichte von Hugo Wolfs Lebenszeit.
Die Vielzahl der zum Teil erstmals publizierten Schwarzweiss-Abbildungen ist mehr als nur schmückende Zutat, denn eine Wolf-Ikonografie steht noch immer aus.
Nicht nur unter sich mit Verweispfeilen gut vernetzt sind die Artikel, ausgezeichnet erschlossen wird das Ganze durch die Register von Namen, Orten und Werken. Am Anfang finden sich die Zeittafel und das Verzeichnis der Stichwörter.
Ernst Hilmar hat in seinem imponierenden, einem stringenten Gesamtkonzept unterstellten Opus das aktuelle Wissen der Wolf-Forschung gebündelt, kritisch gewertet, kommentiert, auf wissenschaftlich gesicherte Basis gestellt und durch eigene Untersuchungen bereichert. Seine Hugo Wolf Enzyklopädie ist unverzichtbar für alle, die sich ernsthaft mit dem Komponisten, seinem Schaffen und seinem Umfeld befassen. Und ein Impuls für die weitere Wolf-Forschung. (ws)
Ernst Hilmar: Hugo Wolf Enzyklopädie. 518 Einzelartikel zu Leben und Werk, Umfeld und Rezeption. Mit 180 Abbildungen. Verlag Hans Schneider, Tutzing 2007. 593 Seiten. € 82,–. Fr. 129.90