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Peter Ryoms Vivaldi Werkverzeichnis (RV)

10.02.2008 — K, BWV, Wq, KV, Hob, D, Sz: Diese und manch andere Kürzel bedeuten den im Gebiet der Musik sich Ergehenden unentbehrliche Wegmarken durch die Dickichte der ausgedehnten Werklandschaft von Komponisten. Aus Verehrung, Hingabe, Enthusiasmus, Findigkeit, Ordnungssinn, Forscherehrgeiz, Beharrlichkeit und umfassender Kenntnis wachsen in jahrzehntelanger Knochenarbeit die grossen Verzeichnisse, in denen das Œuvre eines Meisters penibel katalogisiert, nummeriert, beschrieben und mit Kommentaren versehen wird.

Der stolzeste Lohn des Wissenschafters für sein umfangreiches thematisch-systematisches Koordinatennetz: Sein Name wird im gleichen Atemzug erwähnt mit jenem des Komponisten. Kirkpatrick und Scarlatti, Wotquenne und Carl Philipp Emanuel Bach, Hoboken und Haydn, Köchel und Mozart, Deutsch und Schubert. Nicht allen ist dergleichen Glanz gegönnt: Schmieder versteckt sich hinter dem grossen Bach, Szöllösy wird (bei Bartók) nur als Sz genannt, und wer die umfangreichen Hinterlassenschaften von Schütz, Purcell, Händel, Telemann und Zelenka geordnet hat, wissen auf Anhieb nur Eingeweihte. Bei Chopin sieht ohnehin kaum noch einer durch – die Wahl hat man unter K bzw. KK, B bzw. BI, C bzw. CT und der Opus-Zahl. Unerlässlich dabei die Liste der Konkordanzen. (Apropos Opus: Allzu oft führt die bei Drucklegung von Sammlungen Anfang des 17. Jahrhunderts aufgekommene Opus-Nummerierung auf schwankenden Boden. So ist Schuberts op.1 laut Deutsch-Verzeichnis sein 328. Werk.)

Was nun Antonio Vivaldi (1678–1741) angeht, so verhält es sich mit ihm ähnlich wie mit Chopin: Man trifft auf Werkverzeichnisse von Mario Rinaldi (1945), Marc Pincherle (1948) und Antonio Fanna (1968), überdies auf einige Opus-Nummern. Vivaldi-Standard seit gut dreissig Jahren aber ist das RV, das Ryom-Verzeichnis.

Der 1937 in Kopenhagen geborene Peter Ryom wurde nach musikwissenschaftlichen Studien mit einem Staatsstipendium ausgestattet, das es ihm ermöglichte, ein Vivaldi-Verzeichnis auszuarbeiten. 1974 legte er nach intensiven Forschungsarbeiten und kritischen Quellenstudien die Kleine Ausgabe vor (Deutscher Verlag für Musik, Leipzig), in der er sämtliche bekannten Werke durch eindeutige Nummerierung bezeichnete. Er zog auch die älteren Werkverzeichnisse bei, die ihm, wie er nun schreibt, «jedoch wegen ihrer in mehreren Fällen unzuverlässigen Auskünfte nur als Ausgangspunkt für die bibliographische Arbeit dienten».

Die Vivaldi-Forschung ist in den vergangenen drei Jahrzehnten in Fluss geblieben: Bisher nicht registrierte Werke wurden entdeckt, Fehlzuschreibungen erkannt, neue Einsichten über Vivaldis Schaffen in Monografien, Aufsätzen, Studien, Einzelpublikationen – viele in den Reihen des Istituto Italiano Antonio Vivaldi (Mailand, Florenz) – veröffentlicht. Die Ergebnisse der gesammelten reichhaltigen Fachliteratur haben zusammen mit eigenen umfangreichen Untersuchungen nun auch Eingang gefunden in das bei Breitkopf & Härtel erschienene thematisch-systematische Verzeichnis der Werke Antonio Vivaldis (RV), Peter Ryoms Opus magnum.

Es enthält, gegliedert in die beiden Teile Instrumentalwerke und Vokalwerke (geistliche und weltliche und szenische Werke), erstmals sämtliche Kompositionen Vivaldis mit Notenincipits jedes einzelnen Satzes und mit allen wesentlichen Angaben zur Besetzung, Entstehung, Überlieferung, Publikation und Rezeption. Die Nummerierung der Kleinen Ausgabe von 1974 wurde beibehalten; die seither neu entdeckten und integrierten Werke tragen die RV-Nummern 751 bis 809.

Der Katalog der Instrumentalkompositionen ist geordnet nach Besetzungen (Anzahl und Art der Instrumente), beginnend mit den Werken für ein Instrument und Basso continuo, jeweils sortiert nach Tonarten in chromatischer Reihenfolge ab C-Dur, endend mit den Werken für mehrere Solo-Instrumente, zwei Streichorchester und Basso continuo (RV 581–585). Die Vokalwerke rangieren innerhalb der einzelnen Gattungen nach Titeln bzw. Textanfängen; die alttestamentlichen Psalmen folgen der Nummerierung der Vulgata, die Oratorien der Chronologie.

Erstaunlich und respektheischend diese das kaum überschaubare Chaos bändigende Ansammlung von Fakten zu Titel und Text, Aufführungsorten, Spielzeiten, Werkfassungen und Werkanlage, zu Besetzung, Entstehungszeit, Überlieferung, Kopisten, Literatur, Quellen (Autographen, Abschriften, Partituren, Stimmen, Drucke, Inventare, Kataloge, Libretti). Ein Genuss zudem fürs Auge dank grosszügig dimensionierten Incipits, gediegener Typografie und übersichtlichem Layout.

Einerseits konnte Vivaldis immenses Œuvre um über fünfzig Nummern bereichert werden, darunter Sonaten, Concerti, Kantaten, wurden Chronologie, Entstehungszeit und Quellenwert hier und dort präzisiert oder korrigiert, andrerseits führten neuere Studien auch zu Abschreibungen bzw. Zuschreibungen an andere Verfasser, darunter Albinoni, Sammartini, Alessandro Marcello, Telemann, Hasse, Keiser, Johann-Ernst von Sachsen-Weimar und den Composer X. Aufgelistet sind diese Werke unter RV Anh. 1 bis 134.

Im Anhangsteil des Bandes finden sich zudem die Werksammlungen, gedruckten Quellen, Inventare und Kataloge sowie die Konkordanzentabelle (Pincherle, Fanna). Der Registerteil (Werktitel und Textanfänge der Vokalkompositionen, die Namen der in Opern und grösseren Vokalwerken auftretenden Sängerinnen und Sänger und der auf das 18. Jahrhundert beschränkten Personen) ermöglicht raschen Zugriff auf den Inhalt des magistralen Ryom-Verzeichnisses, dem für wissenschaftliche Forschung und musikalische Praxis in Sachen Vivaldi unverzichtbaren Referenzwerk. (ws)

Peter Ryom: Antonio Vivaldi. Thematisch-systematisches Verzeichnis seiner Werke (RV). Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2007. 633 Seiten. € 98,–. Fr. 155.20.

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